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Dass das arabisch Thymian Gewürz „Zaatar“ bei uns zuhause hoch im Kurs steht, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Schon durch die Posts zum syrischen Frühstück und zu den Zaatar Schnecken hat diese Gewürzmischung ihren Weg auf unseren Blog gefunden. Für all diejenigen, die diese Gewürzmischung nicht zuhause oder in erreichbarer Nähe haben, habe ich hier ein Zaatar-inspiriertes Rezept gefunden, welches ich leicht abgewandelt habe und eine tolle Abwechslung in der Brotauswahl ist: leckere Thymian Brötchen.

Thymian_Brötchen_3

Sie sind schön handlich, schmecken sowohl zu einem herzhaften Frühstück, als Zwischenmahlzeit mit Schwarztee, frischem Gemüse und etwas Feta oder auch zum Grillen statt dem üblichen Kräuterbaguette. Dazu sind sie schnell gemacht und schmecken durch den Thymian wirklich angenehm anders. In dem Rezept verwende ich getrockneten Thymian, wer jedoch frischen zuhause hat, kann auch diesen verwenden und nimmt da einfach nach Geschmack etwas mehr. Die Thymian Brötchen können außerdem sowohl vegan mit Sojajoghurt, als auch vegetarisch mit normalem Naturjoghurt gebacken werden. Die restlichen Zutaten sind ebenfalls nicht ausgefallen und in der Regel bereits zuhause vorhanden.

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Leckere Hefeteigfladen, bestrichem mit einer Mischung aus Olivenöl und arabischen Gewürzen: wenn Lahmacun die „türkische Pizza“ ist, dann ist Manaqish wohl die arabische (obwohl Lahmacun natürlich genauso auch im arabischen Raum beliebt und ihm zugehörig ist, aber wir wollen uns hier jetzt nicht über die Herkunft von Gerichten streiten 😉 ). Manaqish gibt es in verschiedenen Varianten und mit verschiedenen Belägen, ich zeige ich heute die schon im Post über das syrische Frühstück vorgestellte Version mit Zaatar. Sie werden traditionell zum Frühstück gegessen, dazu wird süßer schwarzer Tee getrunken.

Manaqish_Zaatar_1

Ihr braucht (für 8-10 kleinere Teigfladen):
250 ml lauwarmes Wasser
0,5 TL Zucker
1 Päckchen Trockenhefe
360 gr Mehl
1 TL Salz
2 EL Olivenöl
Zaatar+Olivenöl

Und so gehts:
1. Das Wasser (nicht heißer als 40°), Zucker und die Hefe miteinander vermengen und kurz ruhen lassen. In einer großen Schüssel das Mehl, Salz, und Olivenöl miteinander vermengen und das Hefewasser hinzugeben. Alles miteinander vermischen und gut kneten bis der Teig schön geschmeidig ist. In einer geölten Schüssel abgedeckt etwa eine Stunde ruhen lassen.

2. Den Teig aus der Schüssel nehmen und nochmal gut durchkneten. Dann auf einer bemehlten Arbeitsfläche kleine Bällchen formen. Die Größe der Bällchen hängt davon ab, wie groß eure Manaqish später sein sollen. Ich habe etwa zwetschgengroße Kugeln geformt. Die Teigbällchen nochmal abdecken und etwa 15 Minuten ruhen lassen.

3. Den Ofen auf 200° vorheizen. In der Zwischenzeit Zaatar und Olivenöl miteinander vermengen. Ich habe deswegen keine genauen Mengenangaben gemacht, weil jeder unterschiedlich viel Zaatar auf dem Teig haben mag. Die Mischung sollte sich gut verteilen lassen, also weder zu flüssig noch zu fest sein. Gebt das Öl einfach nach und nach hinzu, dann könnt ihr die Konsistenz eurem Geschmack anpassen.

4. Nun die Teigfladen ausrollen, sie sollten nicht ganz knusprig werden, also nicht zu dünn ausrollen. Den Teig auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen und die ganze Teigfläche mit der Zaatar-Öl Mischung bestreichen (geht am besten mit der Hand). Die Manaqish nun etwa 10 Minuten im vorgeheizten Ofen backen, bis sie etwas Farbe angenommen haben, aber nicht zu fest sind. Aus dem Ofen nehmen, etwas abkühlen lassen und genießen!

syrisches_frühstück_manaqish

Manaqish sind ein super Frühstück, wenn es mal etwas anderes geben soll als nur Brot oder Müsli. Auch zum Mitnehmen für Unterwegs eignen sie sich super. Meine kleine Tochter isst sie ebenso mit Begeisterung und kann gar nicht genug bekommen. Wenn man keine Lust hat, morgens vor dem Frühstück noch lange zu warten, bis der Hefeteig gegangen ist, lässt sich auch sehr gut eine größere Menge Manaqish machen, die dann eingefroren wird. Ich taue sie dann kurz in der Mikrowelle auf und schon sind sie wieder lecker fluffig wie frisch aus dem Ofen. Wirklich sehr zu empfehlen.

Alles Liebe,
Farina

In ein paar Tagen ist es mal wieder so weit und es stehen Feiertage vor der Tür. Und bevor ihr jetzt vielleicht panisch überlegt, ob ihr irgendwas vergessen habt oder ob ihr vielleicht noch einkaufen müsst, weil die Geschäfte geschlossen haben: Keine Angst! Ich rede nicht von gesetzlichen Feiertagen hier in Deutschland, sondern vom islamischen Opferfest. Das ist der höchste Feiertag für die Muslime, an dem an die Geschichte von Abraham/Ibrahim und seinem Sohn Ismail gedacht wird. Viele schlachten an diesem Tag ein Opfertier und verteilen das Fleisch an Arme und Bedürftige. Und wie es an Feiertagen auf der ganzen Welt wohl so üblich ist, werden traditionell auch die Verwandten und Nachbarn besucht, man sitzt beisammen, trinkt Tee oder Kaffee und genießt die ein oder andere selbst gebackene Süßigkeit.

Maamoul 5

Aus diesem Grund habe ich heute ein Rezept für ein besonderes Gebäck für euch, welches in Syrien und der restlichen Levante an den Feiertagen, also auch am Fest zum Ende des Ramadan, gebacken und gegessen wird. Man fängt schon einige Tage vorher an und backt gleich eine große Menge, da die leckeren Teilchen sehr schnell verspeist sind. Ich mag diese Tradition sehr gern, vor allem, wenn man mit der Familie zusammen backt, man kann es wahrscheinlich gut mit dem Plätzchenbacken in der Adventszeit vergleichen. Das Gebäck heißt Maamoul und besteht zum großen Teil aus Gries und wird mit einer Füllung aus Datteln oder Nüssen zubereitet. Hier gibt es natürlich in jedem Haushalt ein eigenes Rezept, manche nehmen nur Gries, manche mischen Mehl dazu und wieder andere nutzen Hefe. Mein Rezept ist einfach das, was uns am besten schmeckt, mit einer leckeren Füllung aus Walnüssen und etwas Zimt. Und das benötigt ihr:

Maamoul 3

Zutaten für etwa 25 Stück:
Für den Teig:
350 gr Hartweizengries
80 gr Mehl
40 gr Zucker
1 Prise Salz
180 gr Butter oder Alsan
0,5 bis 1 Teeglas Wasser
1 EL Orangenblüten- oder Rosenwasser
Für die Füllung:
100 gr Walnüsse
2 gehäufte EL (Rohrohr-)Zucker
Zimt
Orangenblüten- oder Rosenwasser
Außerdem:
Puderzucker

Maamoul 1

Und so gehts:
1. Hartweizengries, Mehl, Zucker und Salz miteinander in einer großen Schüssel vermengen. Die Butter oder pflanzliche Margarine in kleine Stücke schneiden und mit den Händen mit den trockenen Zutaten in der Schüssel gut verkneten, bis ein krümmeliger Teig entstanden ist. Das Orangenblüten- oder Rosenwasser und etwa die Hälfte des Wassers hinzugeben und nochmals sehr gut kneten, bis die Masse relativ glatt ist. Die Schüssel abdecken und etwa 30 Minuten stehen lassen.

2. Für die Füllung könnt ihr natürlich auch mit den Nüssen variieren, ich mische gerne noch ein paar Cashewkerne unter. Alle Zutaten in einen Mixer geben und zerkleinern, bis die Nüsse gehackt sind (nicht zu fein). Noch einmal gut miteinander vermengen, damit der Zucker gleichmäßig verteilt ist.

3. Nun kommt der „anstrengendste“ Teil: Ihr müsst den Teig so lange kneten, bis er gut zusammenhält und die einzelnen Grieskörner nicht mehr an der Hand kleben. Dafür könnt ihr den Teig aneinander reiben und die Teigkugel auch mal auf ein Tablett oder in die Schüssel „werfen“. Gebt währenddessen nach und nach den Rest des Wassers hinzu. Das kann schonmal 30 Minuten dauern, ist aber sehr wichtig. Ihr merkt, dass ihr fertig seid, wenn der Teig gut zusammenhält und ihr eine Kugel formen könnt, die beim Formen nicht zerfällt und keine Risse bekommt. Ist der Teig immer noch zu klebrig, gebt etwas mehr Mehl hinzu, ist er zu trocken und bröselig, noch etwas Wasser.

Maamoul 2

4. Den Ofen auf 200° Ober- und Unterhitze vorheizen. Nun geht es ans Füllen. Ihr formt wie gesagt eine Kugel, macht dann mit dem Finger eine Kuhle in diese und formt diese so aus, dass die Wände etwas dünner werden, aber noch gut halten. Dann gebt ihr etwas von der Füllung in diese Kuhle, verschließt die Öffnung, sodass die Füllung von dem Teig bedeckt ist. Wenm ihr nun eine Form für Maamoul habt, dann drückt die Kugel in die Form und „klopft“ sie anschließend heraus und legt das fertige Teilchen auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech. Habt ihr keine Form, könnt ihr einfach die Kugel etwas flach drücken und mit einer Gabel ein Muster darauf pressen. Hier findet ihr eine schöne bebilderte Anleitung dazu.

5. Wenn ein Blech voll ist, dieses für etwa 20 Minuten im vorgeheizten Ofen backen. Sie müssen nicht braun werden, sollten aber fest sein, hebt sie einfach mit einer Gabel oder einem Messer hoch und schaut, wie sie von unten aussehen. Wenn sie fertig sind, großzügig mit Puderzucker bestreuen und auskühlen lassen. In einer dichte Dose halten sie sich eine ganze Zeit lang. Es sei denn, sie stehen in Reichweite, dann halten sie garantiert nicht lange!

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Es scheint vielleicht etwas aufwändig, lohnt sich aber allemal! Probiert es mal aus 🙂

Was ist euer liebstes Festtagsgebäck (egal für welchen Festtag)?

Alles Liebe,
Farina

In den letzten Wochen dominierte ein Thema die Medien- und auch die Bloglandschaft: Flüchtlinge. Nicht irgendwo weit weg, nein, Flüchtlinge hier vor Ort, bei uns. Man laß von Ereignissen und Zuständen, die einen sprachlos und kopfschüttelnd zurück ließen, aufgewühlt, traurig, wütend. Aber man konnte auch von tollen Aktionen lesen, von Menschen, die sich engagieren, die nicht wegschauen, sondern aktiv daran mitwirken, dass sich Menschen nach langer und oft gefährlicher Flucht willkommen fühlen können (ein sehr toller und spannender Einblick z.B. hier).

Viel wollen wir auf diesem Blog gar nicht mehr zu der momentanen Situation in Deutschland und der Welt sagen, geht es doch mehr denn je darum, wirklich und offline etwas zu tun, statt nur zu „teilen“ „liken“ und „hashtaggen“. Trotzdem möchten wir euch hier gerne ein Projekt vorstellen, von dem ihr vielleicht an anderer Stelle schon gelesen habt und welches durch sein geniales Konzept besticht: Verschiedene Menschen durch ein gemeinsames Interesse an einen (Ess-)Tisch zu bringen.

Die Rede ist von dem großartigen „Über den Tellerrand kochen„. Der Verein Überdentellerrand e.V. hat sich nämlich zum Ziel gesetzt, durch das Kochen Menschen zusammenzubringen und ihnen dadurch einen neuen Zugang zum Thema Asyl zu ermöglichen. Ich bin durch die Videoserie auf dem Youtube Kanal ellevant auf das Projekt aufmerksam geworden und war vom ersten Video an begeistert von dem Konzept. Dort werden Menschen verschiedener Herkunft vorgestellt, die Gerichte aus ihren Heimatländern zubereiten und dabei über ihre (Flucht-)Geschichten sprechen. Man erfährt so neben leckeren Rezepten, wie unterschiedlich die jeweiligen Geschichten sind und was sie doch gemeinsam haben: Sie sind alle Menschen, die ihre Heimat unfreiwillig verlassen mussten und nun hier sind. Bei uns in Deutschland.

Mujaddara 1

In den letzten Wochen habe ich auch oft gelesen, dass viele bisher nicht viel über die jeweiligen Herkunftsländer und Kulturen gewusst haben, durch den Kontakt und Gespräche mit Flüchtlingen sich aber zum ersten Mal mit so etwas wie den jeweiligen Landesküchen auseinandergesetzt haben (z.B. hier). Das finde ich total spannend und möchte euch in diesem Sinne wirklich ans Herz legen, einige Rezepte nachzukochen und so kulinarisch „auf Tuchfühlung“ mit unseren neuen Nachbarn und Mitmenschen zu gehen. Eines der auf Youtube vorgestellten Rezepte ist z.B. bei uns sowieso schon lange ein Alltagsgericht, welches ich euch gerne weiterempfehle: Mujaddara. Es besteht ganz simpel aus Bulgur, Linsen und Zwiebeln. Wir machen dazu noch einen einfachen mit Summakh gewürzten Salat und fertig ist ein sättigendes und auch gesundes Gericht.

Wie „Über den Tellerrand kochen“ zeigt, gibt es viele Möglichkeiten, auf einer gemeinsamen Ebene zusammenzukommen und sich auszutauschen, Kontakte zu knüpfen, voneinander zu lernen oder eben einfach miteinander zu kochen.

Alles Liebe, Farina

Wenn die chinesische Mitbewohnerin freudig verwundert in die Pfanne guckt und dich fragt, woher Du diesen Reis hast, dann scheint es wohl echt guter Reis zu sein. Wir haben wieder ein tolles Paket von Reishunger bekommen, mit tollen Zutaten für die orientalische Küche. Wie bereits hier wird als erstes der Basmati-Reis von Reishunger verkocht. Für dieses leckere Rezept aus Palästina braucht Ihr weder viele Zutaten, noch Geschick oder Zeit. Es ist recht einfach, super lecker und durch die leichte Süßte der Korinthen ein völlig neues Geschmackserlebnis.

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Zutaten (für 4 Personen)
300g Basmati-Reis
4 Hähnchenkeulen
2-3 mittelgroße Zwiebeln
10 Kardamomkapseln
4 Gewürznelken
2 Zimtstangen
25g Korinthen
4 EL Olivenöl
Salz, Pfeffer
550ml kochendes Wasser

Für Salat und Joghurt als Beilage
3-4 Tomaten
1 Gurke
1 Zitrone
Olivenöl
300g türkischer Joghurt (10% Fett)
1 Knoblauchzehe
Salz, Pfeffer

1.
Die Zwiebeln schälen und in Ringe schneiden. 2 EL Öl in einer hohen Pfanne mit Deckel (Pfannen-Wok; Alufolie geht auch, wenn man keinen Deckel hat) erhitzen. Die Zwiebeln darin 10-15 Min braun braten und dann aus der Pfanne neben und beiseite stellen.

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2.
Die Hähnchenkeulen waschen und am Gelenk mit einem scharfen Messer teilen. In einer Schüssel mit dem restlichen Öl, den Kardamomkapseln (vorher andrücken), den Nelken und Zimtstangen vermengen. Ordentlich mit Salz und Pfeffer würzen (je ca. 1 Tl).

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3.
Das Hähnchen mit den Gewürzen in die heiße Pfanne geben und 5 Min auf beiden Seiten anbraten. Herausnehmen und ebenfalls beiseite stellen. Nun die Zwiebeln und den Reis in die Pfanne geben, kurz anbraten und die Korinthen unterrühren. Dann das Hähnchen auf den Reis legen und leicht andrücken.

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4.
Hähnchen und Reis werden nun mit dem kochenden Wasser übergossen. Pfanne zudecken und das Ganze auf kleiner Flamme 30 Min. köcheln lassen. In der Zeit könnt Ihr die Beilegen vorbereiten: Tomaten und Gurke würfeln und in einer Schüssel mit Salz, Olivenöl und Zitronensaft abschmecken. Unter den Joghurt eine gepresste Knoblauchzehe geben und hier mit Salz und Pfeffer abschmecken.

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5.
Nach den 30 Min. wird die Pfanne vom Herd genommen und der Deckel durch ein sauberes Geschirrhandtuch ersetzt. So noch 10 Min. stehen lassen und servieren. Guten Appetit!

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Und ja, wie Farina schon bei Ihrem Blogpost sagte: Der Reis ist wirklich gut und lecker und es lohnt sich ihn zu kaufen – wenn auch nicht für jeden Tag. Außerdem findet Ihr bei Reishunger noch ganz viele andere qualitativ hochwertige Reissorten und neuerdings auch ein Rezeptbuch!

Eure Ann Cathrin

Wie stellt man sich eigentlich Betlehem vor? Ehrlich gesagt: Ich hatte immer nur meine Vorstellungen von der Weihnachtsgeschichte im Kopf. Ein Stall. Mehr nicht. Aber aus Betlehem ist mittlerweile eine echt große Stadt geworden (wen wunderts?).

Highlight in Betlehem ist natürlich die Geburtskirche Jesu – also der Ort, an dem der Stall gestanden haben soll. In die Kirche (die die älteste im Heiligen Land ist) kommt man nur durch eine winzige Tür. Sie wurde so klein gebaut, damit keine Ritter auf ihren Pferden hinein reiten konnten. Auch diese Kirche ist wie die Grabeskirche in Jerusalem zwischen den Konfessionen aufgeteilt. In der Grabeskirche steht je ein Teil den Russisch-Orthodoxen, den Armeniern und den Katholiken zu. Aber auch hier gibt es diverse Streitereien und Probleme: Aktuell z.B. über die Finanzierung des baufälligen Daches.

Die Kirche ist (erst) seit dem 29. Juni 2012 in als UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde – als erster Standort in Palästina.

Die Fotos der Geburtskirche beginnen ab Zeile 5

Eure Ann Cathrin

Und ich spüre noch immer Deine Hand, als Du die Meine nahmst und sie ganz fest hieltst. Spüre das Glück in mir, als ich aufschaute und das Strahlen in Deinen Augen sah. Höre, wie Du mir „I love you“ ins Ohr flüstertest, als Du auf meinem Schoß saßt, während wir über die holprigen Straßen fuhren.

Ich öffne morgen noch immer meine Augen und sehe Dich, obwohl Du nicht da bist. Stelle mir vor, wie wir uns wieder minutenlang angucken würden, grinsen, und irgendwann beginnen zu sagen „ich will nicht, dass Du gehst“.  Ich sehe uns noch immer vorm Spiegel stehen, beratend, welche Farbe des Tuches wohl am besten zu meinem Outfit passe. Höre Dich sagen, „nimm Dir einfach ein Tuch von mir, Du bist jetzt meine Schwester“. Spüre Deine Hände, die mir jeden Tag das Tuch um Kopf legten, damit auch ja alles richtig sitzt.

Ich schmecke noch immer Deinen Tee auf meiner Zunge. Der Tee, der nach Geborgenheit schmeckte. Der Tee, der jeden Tag zu einem der schönsten meines Lebens machte. Ich sehe Dich lachen, weil Du mir versucht mit einzelnen Wörtern und Handzeichen etwas zu erklären und ich es wieder nicht verstehe. Ich spüre noch immer Deine Umarmungen, voller Wärme und Zuneigung, wie nur eine Mutter sie geben kann.

Ich höre Dich noch immer, wie Du mit mir redest, und vermutlich gar nicht merkst, dass ich Dich nicht verstehe.  Aber ich höre Dir zu, spende Dir Trost. Reiche Dir Taschentücher, damit Du Deine Tränen nicht ins Kopftuch wischen musst; und wünschte Du könntest mir jetzt welche reichen für meine Tränen.

Mein Bauch schmerzt noch immer, von dem ganzen leckeren Essen, das allein Du gekocht hast. Und er schmerzt von dem vielen Gelächter, wegen Dir. Wegen Deinen vielseitigen Sprachkenntnissen, Deinen beeindruckenden Gymnastikübungen, Deinen unendlich vielen Brüdern.

Ich will wieder mit Dir unterm Sternehimmel tanzen. Dein unschuldiges Kichern hören. Kein Wort mit Dir reden und Dich dennoch mehr als genug verstehen. Dir noch einmal meine liebste Kette umhängen, damit irgendwas von mir bei Dir bleibt. Dich auf meinem Schoß wiegen, Dich in den Schlaf singen.

Ich habe bei jedem Einzelnen ein Stück meines Herzens gelassen und mehr zurück bekommen, als ich je erwarten konnte.

Ich vermisse Euch.

Frage

Dir erzähle ich meine Geschichte
und du kannst es nicht ertragen
dir das Geschehende anzuhören
bedenke
wie es mir dabei gehen soll
da ich das Ganze
an Leib und Seele
erfahren habe.

Afsane Bahar
(aus: Palästina. Reisen zu den Menschen)

Da Thorsten so einen schönen Bericht über unseren Trip nach Jenin geschrieben hat, möchte ich ihn auch hier bei uns veröffentlichen. Wer mehr von Thorsten lesen möchte, u.a. auch seine weiteren Reiseberichte aus Israel und Palästina, dem sei sein Blog Thorschten’s News Channel wärmstens empfohlen!

Nach verschiedenen kurzen Touren nach Hebron und Nablus wollte ich nun endlich auch einmal nach Jenin kommen – in die Stadt, die vor allem wegen ihrer Rolle während der Zweiten Intifada traurige Berühmtheit erlangte hatte. Vor allem das Flüchtlingslager galt als Hochburg der Hamas und der Al-Aqsa-Brigaden. Von hier aus starteten zwischen den Jahren 2000 und 2003 mindestens 28 Selbstmordattentäter ihre tödliche Mission. Im Jahr 2002 rückte die israelische Armee ein, es gab tagelange Gefechte, zahlreiche Tote und ein Teil des Flüchtlingslagers wurde von israelischen Bulldozern zerstört. Die aktuellste Erwähnung fand Jenin jedoch in dem Film „Cinema Jenin“, der über die Renovierung des gleichnamigen Kinos der Stadt gedreht wurde. Dieses Kino wollte ich auf jeden Fall sehen.

Zusammen mit Ann Cathrin, Chris und unserem palästinensischen Bekannten Wahib, der in Tübingen studiert, machten wir uns mit einem Mietauto auf den Weg nach Norden. Chris und ich stießen von Jerusalem aus am Qalandiya-Checkpoint zu den beiden anderen.

Mit unserem roten Honda fuhren wir dann zunächst in Richtung Nablus. Erstaunlicherweise sollten wir von keinem einzigen Checkpoint aufgehalten werden. Die massiven Betonblöcke säumen zwar noch den Weg und die Straße ist von Verkehrsberuhigungsmaßnahmen entschleunigt, doch es sind kaum israelische Soldaten zu sehen. Allein einige jüdische Siedlungen liegen links und rechts der Siedlerstraße, die zurzeit größtenteils auch für palästinensische Autos geöffnet ist. Vor einigen Jahren noch gab es stellenweise kein Durchkommen.

Etwa 80 Kilometer liegen zwischen Jerusalem und Jenin. Unser Weg führt uns durch die bergige Landschaft Samarias, vorbei an israelischen Siedlungen und arabischen Ortschaften, durch heiße Täler und vorbei an Olivenhainen. Eine arabische Ortschaft sticht vor allem ins Auge, weil die Einfahrt durch eine Allee aus Palmen erfolgt. Hier stünden 80% der Häuser leer, meint Wahib. Viele Palästinenser würden im Ausland leben und nur einen Monat im Jahr in ihrer Heimat verbringen.

Hinter Nablus machen wir Rast an einem faszinierenden Ort. Direkt an der Straße liegt ein Bachlauf, der zu einer gastronomischen Attraktion ausgebaut worden ist: Man kann hier auf Plastikstühlen im Wasser sitzen, sich die Füße abkühlen, eine entspannte Wasserpfeife rauchen und grillen – sofern man seinen Grill selbst mitgebracht hat. Der Eintritt kostet umgerechnet zwei Euro, die Wasserpfeife ist günstig. Dazu eine Tasse Tee mit Nana. Dann geht es weiter.

Nun sind es nur noch 40 Kilometer nach Jenin. Die Landschaft bleibt hügelig. Erst kurz vor der Stadt kommen weite Felder in Sicht. Hier gibt es große, landwirtschaftlich nutzbare Flächen.

Jenin ist an einem Freitagnachmittag wie ausgestorben. Anders als in Jerusalem sind die Geschäfte geschlossen und der Basar ist leer. Die 36.000 Einwohner zählende Stadt ist ruhig und auch der Verkehr hat Pause.

Auch am Busbahnhof scheint nicht viel los zu sein. Genau gegenüber liegt das zum Cinema Jenin gehörende Guesthouse, in dem wir für eine Nacht unterkommen wollten. Die Atmosphäre ist nicht die spritzigste, aber vielleicht liegt das am Wetter. Wir unterhalten uns mit den Volontären, die allesamt aus Deutschland kommen. Das Kino, dessen mehr oder weniger dramatische Geschichte in dem Film beschrieben wurde, den ich mir vor ein paar Monaten in Tübingen im Kino angesehen hatte, hat kaum Vorstellungen, da niemand von den Einheimischen hingeht. Im letzten Monat hat es ganze 50 Schekel eingenommen, umgerechnet etwa zehn Euro. Nachdem eine Kooperation mit Israel verhindert, abgelehnt und verneint wurde, schien es zunächst bergauf zu gehen. Doch die Uneinigkeiten innerhalb der palästinensischen Führung des Kinos verringerte das Vertrauen der Bevölkerung. Es gab vor ein paar Tagen eine Filmvorführung vor zwei Personen. Wir hätten also zu viert gute Chancen, einen Film zu sehen, meint einer der Volontäre, der wie wir in Tübingen studiert.

Angeregt wurde die Renovierung und Neueröffnung des einzigen Kinos der Stadt, das seit 1987 geschlossen war, von Ismael Khatib, der durch den Film „Das Herz von Jenin“ bekannt geworden war, weil er die Organe seines von israelischen Soldaten erschossenen Sohnes spendete, und von Marcus Vetter, einem deutschen Dokumentarfilmer. In „Cinema Jenin“ wird eindrucksvoll beschrieben, wie lang der Weg zu einem funktionierenden Kino war. Heute wird das Projekt hauptsächlich vom deutschen Auswärtigen Amt und dem Goethe-Institut in Ramallah getragen. Deshalb finden in einem extra hierfür eingerichteten Klassenzimmer im Guesthouse auch Deutschunterricht statt. Die deutschen Volontäre geben darüber hinaus auch Workshops für Kinder, in denen sich alles um das Filmemachen dreht. Leider sind die einzelnen Projekte schlecht mit der Führung abgestimmt – und als vor ein paar Tagen 30 Kinder mitsamt ihrer Eltern auftauchten, waren die Volontäre heillos überfordert, da man sie vorher nicht informiert hatte.

Das Guesthouse bietet Zimmer, in denen aufgrund der Hitze nur die Härtesten der Harten schlafen können. Doch es gibt auch eine Dachterrasse. Ein schattiger Balkon lädt zum Entspannen ein. Er ist mit einer Verkleidung aus dünnen Bambusrohren abgeschottet – gegen die Sonne, aber auch gegen die misstrauischen Nachbarn. Aus dem Film weiß ich, dass das Guesthouse für die Volontäre aus Übersee umgebaut wurde, die bei der Renovierung des Kinos halfen. Die gemeinsame Unterbringung von Männern und Frauen in einem Haus sorgte für Gerüchte.

Unten in der Lobby hängt ein Foto von Juliano Mer-Khamis. Er hat beim Aufbau des Kinos ebenfalls eine wesentliche Rolle gespielt. Seine Mutter, eine Jüdin, hatte im Flüchtlingslager der Stadt das Freedom Theatre gegründet, das er erfolgreich weiterführte. Palästinensischen Kindern sollte so Hoffnung und Perspektiven gegeben werden. Der arabisch-jüdische Künstler wurde am 4. April 2011 von einem maskierten Täter vor seinem Haus erschossen. Nach seinem Tod ging ein Teil der Volontäre vom Cinema Jenin fort. Heute würde Mer-Khamis, der seinen Wehrdienst bei der israelischen Fallschirmbrigade abgeleistet hatte und sich später zu 100 Prozent als Jude und zu 100 Prozent als Palästinenser bezeichnete, dem Projekt eine große Stütze sein. Finanziell wird das Cinema Jenin bis Jahresende noch vom Auswärtigen Amt getragen. Was danach passiert, scheint keiner so recht zu wissen. Bis jetzt ist man nicht gewinnorientiert und es genügt, wenn man auf Null herauskommt.

Unser Nachmittag ist noch nicht zu Ende. Wir essen gut und viel in einem Restaurant, in dem ein Verwandter von Wahib arbeitet. Huhn, Lamm und zuvor eine kaum zu überschauende Vielzahl von Hummus, Salaten und Gemüse, dazu eine kühle Cola. Der Tag war unheimlich heiß und alle sind froh, einen Ort mit Klimaanlage gefunden zu haben. Nach dem Essen begleitet uns ein junger Mann namens Qais zu seinem Arbeitsplatz nördlich von Jenin, einer Open-Air-Imbissbude in einem kleinen Park. Hier genießen wir den zweiten Tee und die zweite Wasserpfeife des Tages, während die Sonne unter- und der Mond aufgeht. Unweit von hier ist die Grenze zum israelischen Staatsgebiet. Hier sitzen wir eine Weile, hören arabische und hebräische Musik, bevor wir mit dem Auto zurück zum Guesthouse fahren und den Tag auf der Dachterrasse ausklingen lassen. Qais will am nächsten Tag mit uns durch Jenin fahren und uns die Stadt zeigen.

Am nächsten Morgen kräht der Hahn. Mehrmals. Und er setzt die Definition für „Morgen“ schon sehr früh an. Doch wir wollen ohnehin früh los. Nach einem kleinen Frühstück mit Hummus und Fool (gekochten Bohnen) treffen wir uns vor der Tür mit Qais.

Heute ist Jenin kaum wiederzuerkennen: Menschen und Autos – aber vor allem Autos – füllen die Straßen. Man betätigt fleißig die Hupe, um sich Gehör zu verschaffen. Wir bahnen uns unseren Weg durch die Stadt. Am Eingang des Flüchtlingslagers zeigt uns Qais eine Statue: Es ist ein Pferd, das aus den Resten eines Rettungswagens gebaut wurde, der von der israelischen Armee bombardiert wurde.

Man kann sogar den Schriftzug „Ambulance“ noch erkennen… – Die Statue steht unweit von Juliano Mer-Khamis‘ schon erwähnten Freedom Theater.

In Jenin scheint es nicht allzu viel zu geben, das man besichtigen könnte. Doch es gibt Fotomotive ohne Ende. Und hier und da findet man Raritäten und Zeugen der Geschichte – auch über den leidigen Nahostkonflikt hinaus. So stößt man neben einem großen Bankgebäude auf ein Denkmal der deutschen Fliegerstaffel, die hier im Ersten Weltkrieg zur Unterstützung der Türken stationiert war. Es erinnert an die Gefallenen, die im Kampf gegen die Briten ihr Leben ließen.

Nach diesem „Schmankerl“ tauchen wir ein in das Marktleben. Tausende von Menschen drängen sich durch die Gassen und Wege. Unter ihnen sind viele israelische Araber, die aus dem Norden nach Jenin kommen, um billig einzukaufen. Die bewachten und unbewachten Parkplätze sind überfüllt. Auffällig viele Mädchen und junge Frauen ohne Kopftuch. Die meisten von ihnen kommen von der anderen Seite des Sperrzauns.

Wir besuchen die Fatima-Khatun-Moschee, die etwa 500 Jahre alt ist, was man ihr aber nicht wirklich ansieht. Innen ist sie außergewöhnlich schlicht. Außerhalb der Gebetszeiten ist sie fast leer. Nur einige alte Männer. Ein altes Grab erinnert an die Gründerin. Ihr Mann war Bosnier und osmanischer Gouverneur von Damaskus. Damals war das Land unter den Osmanen vereint.

Draußen, vor dem Gebetshaus, tummelt sich das Leben. An den Wänden kleben vereinzelt noch Plakate, die an die Märtyrer (oder Terroristen) von damals erinnern, als Jenin noch eine Hochburg des palästinensischen Widerstandes war und Terroranschläge auf israelische Busse täglich vorkamen. Doch im Stadtzentrum gibt es deutlich weniger solcher Plakate als in Nablus, was mich erstaunt. Immerhin hatte Jenin eine andere Stellung als die übrigen Städte. Allgemein spürt man jedoch sehr wenig Knistern in der Luft. Jenin präsentiert sich als eine Stadt wie alle anderen. Touristen sieht man neben den Käufern aus Israel keine, doch es müssen welche da sein. Auch in der Stadtbibliothek, zu der uns unser einheimischer Guide führt, erweckt man den Eindruck, als wären Touristen nichts Ungewöhnliches. Wir werden auf einen Tee eingeladen, nachdem man uns die verschiedenen Räume und Abteilungen der Bibliothek gezeigt hat. Um hierher zu kommen muss man das Treppenhaus mit seinen steilen Stiegen überwinden. Noch ein Stockwerk weiter oben gibt es ein Archiv, wo die Ausgaben dreier Tageszeitungen seit den Achtzigern aufbewahrt werden. Zwei Männer sitzen in einem eigenen Abteil und reparieren alte Bücher.

Das Gebäude wurde wie auch die Schule nebenan von den Türken gebaut. Die Osmanen herrschten in Palästina wie in den gesamten umgebenden Regionen bis 1917, als sie im Zuge des Ersten Weltkrieges von den Briten aus ihrem jahrhundertelangen Herrschaftsbereich zurückgedrängt wurden.

Vom Balkon der Bibliothek kann man die Abu-Bakr-Straße überblicken, die nach dem ersten muslimischen Kalifen benannt ist. Sie ist die Hauptstraße der Stadt. Hier begeben wir uns auch auf den Rückweg zu unserem Mietwagen. Durch die handelsfreudigen Händler und vorbei an hupenden Autos bahnen wir uns den Weg zum staubigen Parkplatz. Wir fahren Qais zurück zu seinem Arbeitsplatz und machen uns dann auf nach Ramallah. Die Fahrt geht durch die gewohnte Landschaft, vorbei an Bergen und über steile Hänge. Das Grün des Nordens nimmt ab, je weiter man nach Süden kommt. Doch genauso verhält es sich auch mit der Hitze. In Ramallah angekommen beginnt es sogar leicht zu nieseln – für eine halbe Minute. Der Himmel ist bedeckt. Und am Abend, als ich schon lange wieder im Jerusalemer Hostel sitze, regnet es dann sogar eine Weile. Doch bevor Chris und ich wieder im Abraham Hostel angekommen waren, mussten wir uns in die lange Schlange vor dem Qalandiya-Checkpoint einreihen. Während man von Betlehem aus mit dem Bus nahezu unbeachtet über die Grenze kommt, muss man hier durchs Drehkreuz gehen, auf das grüne Licht warten, den Gürtel ausziehen und sich durchleuchten lassen. Der gelangweilte israelische Soldat verraucht unterdessen mit seiner Wasserpfeife das Kabuff, in dem er sitzt.

Der Trip hat sich auf jeden Fall gelohnt. Und Jenin hat mir irgendwie gefallen. Es ist eine Stadt wie viele andere im Westjordanland, mit vielen freundlichen Menschen. Doch sie ist kleiner und hat eine dramatischere Geschichte. Und ein Tag reicht sicherlich bei weitem nicht aus, um die Probleme der Menschen, die politischen Strukturen und das Zukunftspotenzial auszukundschaften. Deutlich wird nur, dass Projekte wie etwa das Cinema Jenin noch mehr (oder anders) gefördert werden müssen, da das Vertrauen innerhalb der Bevölkerung noch fehlt. Auch die Stadtbibliothek könnte mit Sicherheit Unterstützung gebrauchen. Bildung ist ein kostbares Gut und schafft Perspektiven für die Zukunft.

Morgen werde ich einen letzten Blick auf Jerusalem werfen und mich dann in Richtung Westen nach Tel Aviv vorarbeiten, um meine letzten Tagen im Land mit einer gezielten Erholungseinheit am Strand verbringen – in der Hoffnung, nicht dem nächsten Sonnenbrand zum Opfer zu fallen.

Adolf kommt immer mit, wenn ich reise. Ich habe ihn nie eingeladen, er mich nie gefragt ob er mit darf. Aber er ist dabei. In Europa, aber vor allem im Nahen Osten.  Irgendwann packt ihn immer jemand auf den Tisch.

„Den Adolf, wie findest Du ihn eigentlich?“, das ist so die Standardfrage, die irgendwann kommt. Manchmal ein bisschen später, manchmal gleich, nachdem die ersten persönlichen Dinge geklärt wurden. Wie heißt Du?  Bist Du verheiratet? Wie alt bist Du? Sprichst Du Arabisch? Magst Du den Adolf?

Nein. Adolf mag ich nicht. Aber ich kann ihn aus meinem Leben nicht weg denken. Darf ich auch nicht.

Wahrscheinlich muss ich ihn dabei haben.

Ich hab schon oft über ihn reden müssen. Nicht nur reden. Ich habe erzählen müssen, was der Adolf wirklich gemacht hat. Hier in Ägypten zum Beispiel.

„Der Adolf, der hat doch die ganzen Juden umgebracht, das war doch gut! Oder nicht?“, das ist die Frage, die immer auf mein „Nein“ folgt. „Nein, das war nicht gut. 6 Millionen Menschen, das ist nicht gut. Nicht mal einer ist gut.“ „Aber es waren doch Juden! Guck Dir an was die Juden mit den Palästinensern machen, das sind schreckliche Menschen. Die lügen und betrügen. Der Adolf, der war ein Guter.“

Ich trage keine Schuld, aber ich trage Verantwortung. Verantwortung, diese Aussagen jedes Mal zu korrigieren. Jedes Mal zu sagen, dass der Adolf kein Guter war. Dass seine Taten und die seiner Gefolgsleute abscheulich waren. Von Konzentrationslagern zu erzählen, Bilder zu zeigen, von Videos zu erzählen, von Nachlässen zu berichten. Zu sagen, dass Juden keine schlechten Menschen sind. Das man Israel als Staat heute gerne auf schärfte kritisieren kann, aber das Juden nicht von Natur aus schlechte Menschen sind. Und jedes Mal klappt es. Ein wenig. Hoffentlich.

Adolf war natürlich auch dabei, als ich in Israel und Palästina war. Israel, das Land, wegen dem alle in der Region den Adolf so mögen.

Erst hatte ich ihn ganz vergessen. Doch dann schaute er mich an. Da in Yad Vashem, blickte er auf mich herunter von der Wand. Ich sah ihn, er sah mich. Und ich dachte: „Na, du auch hier?! Sollte ich mich wundern?“. Ja, und dann gingen wir hindurch, durch diese bedrückende Gedenkstätte. Mit uns diese ganzen israelischen Jugendlichen. Und ich fragte mich, wenn sie mitbekommen, dass ich Deutsche bin, werden sie mich hassen? Wird mir irgendwer Vorwürfe machen? Dabei kann ich doch gar nichts dafür, was der Adolf angerichtet hat. Aber nein, nichts passierte. Niemals passierte etwas dergleichen. Der Adolf, der war halt da. Wurde gelobt und verspottet. Verstehen konnte ich beides nicht.

Einmal, da hat der Adolf es dann doch geschafft. Ich hab wegen ihm geweint. Die Adolf-Sache hat mich in Palästina an meine emotionale Grenze gebracht.

Diesen verallgemeinerten Hasse gegen die Juden konnte ich nie nachvollziehen. Wollte ich auch nicht und will ich auch bis heute nicht. Da weigere ich mich. Aber dort in Palästina bekam ich eine Ahnung. Eine Ahnung, wieso die Palästinenser einfach nur noch bedingungslos und ausnahmslos hassen.

Wenn ein Großteil deiner Verwandten wegen Nichtigkeiten schon im Gefängnis saß oder sitzt, wenn sie gefoltert und geschlagen wurden. Wenn sie erschossen wurden. Wenn deine Rechte missachtet werden, wenn sie deine Bewegungsfreiheit einschränken, wenn sie wahllos Checkpoints eröffnen. Wenn du in die Ferne blickst und Siedlungen siehst, auf einem Stück Land, das eigentlich dir gehört. Wenn sie dich einschließen mit einer meterhohen Mauer. Wenn sie dich zum Menschen zweiter Klasse machen.

Ja, da saßen wir zu dritt. Der Palästinenser, der Adolf und ich. Und ich verstand den Hass. Aber den Adolf triumphieren lassen? Niemals! Und wieder sagte ich: „Der Adolf, der hat 6 Millionen umgebracht und nicht 6.000. Der Adolf, der hat sie auf die unmenschlichste Art und Weise umgebracht und nicht in den Tod gestreichelt, so es mancher zu denken scheint. Der Adolf, der hat unschuldige Menschen getötet. Die Juden, das waren ganz normale Menschen, wie jeder andere.“ „Aber schau, was sie mit uns machen, die Juden.“ Und ich sah es. Und ich sagte, dass das aber nichts mit der jüdischen Religion zu tun hat. Und das man den Holocaust nicht vergleichen kann mit dem Konflikt in Israel und Palästina. Ja, es ist schlimm. Aber ein Vergleich unmöglich. Unangebracht.

Und da saßen wir. Ich hab geweint. Ich verstand ihn. Aber niemals würde ich sagen, dass er recht hat. Niemals.

Ich werde Adolf immer mitnehmen. Und jedem, der mich auf ihn anspricht sagen, was er alles getan hat. Ich werde Bilder zeigen. Ich werde sagen, was für ein Verbrecher er war.