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Adolf kommt immer mit, wenn ich reise. Ich habe ihn nie eingeladen, er mich nie gefragt ob er mit darf. Aber er ist dabei. In Europa, aber vor allem im Nahen Osten.  Irgendwann packt ihn immer jemand auf den Tisch.

„Den Adolf, wie findest Du ihn eigentlich?“, das ist so die Standardfrage, die irgendwann kommt. Manchmal ein bisschen später, manchmal gleich, nachdem die ersten persönlichen Dinge geklärt wurden. Wie heißt Du?  Bist Du verheiratet? Wie alt bist Du? Sprichst Du Arabisch? Magst Du den Adolf?

Nein. Adolf mag ich nicht. Aber ich kann ihn aus meinem Leben nicht weg denken. Darf ich auch nicht.

Wahrscheinlich muss ich ihn dabei haben.

Ich hab schon oft über ihn reden müssen. Nicht nur reden. Ich habe erzählen müssen, was der Adolf wirklich gemacht hat. Hier in Ägypten zum Beispiel.

„Der Adolf, der hat doch die ganzen Juden umgebracht, das war doch gut! Oder nicht?“, das ist die Frage, die immer auf mein „Nein“ folgt. „Nein, das war nicht gut. 6 Millionen Menschen, das ist nicht gut. Nicht mal einer ist gut.“ „Aber es waren doch Juden! Guck Dir an was die Juden mit den Palästinensern machen, das sind schreckliche Menschen. Die lügen und betrügen. Der Adolf, der war ein Guter.“

Ich trage keine Schuld, aber ich trage Verantwortung. Verantwortung, diese Aussagen jedes Mal zu korrigieren. Jedes Mal zu sagen, dass der Adolf kein Guter war. Dass seine Taten und die seiner Gefolgsleute abscheulich waren. Von Konzentrationslagern zu erzählen, Bilder zu zeigen, von Videos zu erzählen, von Nachlässen zu berichten. Zu sagen, dass Juden keine schlechten Menschen sind. Das man Israel als Staat heute gerne auf schärfte kritisieren kann, aber das Juden nicht von Natur aus schlechte Menschen sind. Und jedes Mal klappt es. Ein wenig. Hoffentlich.

Adolf war natürlich auch dabei, als ich in Israel und Palästina war. Israel, das Land, wegen dem alle in der Region den Adolf so mögen.

Erst hatte ich ihn ganz vergessen. Doch dann schaute er mich an. Da in Yad Vashem, blickte er auf mich herunter von der Wand. Ich sah ihn, er sah mich. Und ich dachte: „Na, du auch hier?! Sollte ich mich wundern?“. Ja, und dann gingen wir hindurch, durch diese bedrückende Gedenkstätte. Mit uns diese ganzen israelischen Jugendlichen. Und ich fragte mich, wenn sie mitbekommen, dass ich Deutsche bin, werden sie mich hassen? Wird mir irgendwer Vorwürfe machen? Dabei kann ich doch gar nichts dafür, was der Adolf angerichtet hat. Aber nein, nichts passierte. Niemals passierte etwas dergleichen. Der Adolf, der war halt da. Wurde gelobt und verspottet. Verstehen konnte ich beides nicht.

Einmal, da hat der Adolf es dann doch geschafft. Ich hab wegen ihm geweint. Die Adolf-Sache hat mich in Palästina an meine emotionale Grenze gebracht.

Diesen verallgemeinerten Hasse gegen die Juden konnte ich nie nachvollziehen. Wollte ich auch nicht und will ich auch bis heute nicht. Da weigere ich mich. Aber dort in Palästina bekam ich eine Ahnung. Eine Ahnung, wieso die Palästinenser einfach nur noch bedingungslos und ausnahmslos hassen.

Wenn ein Großteil deiner Verwandten wegen Nichtigkeiten schon im Gefängnis saß oder sitzt, wenn sie gefoltert und geschlagen wurden. Wenn sie erschossen wurden. Wenn deine Rechte missachtet werden, wenn sie deine Bewegungsfreiheit einschränken, wenn sie wahllos Checkpoints eröffnen. Wenn du in die Ferne blickst und Siedlungen siehst, auf einem Stück Land, das eigentlich dir gehört. Wenn sie dich einschließen mit einer meterhohen Mauer. Wenn sie dich zum Menschen zweiter Klasse machen.

Ja, da saßen wir zu dritt. Der Palästinenser, der Adolf und ich. Und ich verstand den Hass. Aber den Adolf triumphieren lassen? Niemals! Und wieder sagte ich: „Der Adolf, der hat 6 Millionen umgebracht und nicht 6.000. Der Adolf, der hat sie auf die unmenschlichste Art und Weise umgebracht und nicht in den Tod gestreichelt, so es mancher zu denken scheint. Der Adolf, der hat unschuldige Menschen getötet. Die Juden, das waren ganz normale Menschen, wie jeder andere.“ „Aber schau, was sie mit uns machen, die Juden.“ Und ich sah es. Und ich sagte, dass das aber nichts mit der jüdischen Religion zu tun hat. Und das man den Holocaust nicht vergleichen kann mit dem Konflikt in Israel und Palästina. Ja, es ist schlimm. Aber ein Vergleich unmöglich. Unangebracht.

Und da saßen wir. Ich hab geweint. Ich verstand ihn. Aber niemals würde ich sagen, dass er recht hat. Niemals.

Ich werde Adolf immer mitnehmen. Und jedem, der mich auf ihn anspricht sagen, was er alles getan hat. Ich werde Bilder zeigen. Ich werde sagen, was für ein Verbrecher er war.

Gratis Konzert in Haifa

Aber da ist der Checkpoint. Ich hätte dich mitgenommen, rüber über die Grenze, die keiner so recht akzeptiert. Ich hätte dich mitgenommen, mit dem Taxi nach Betlehem und von dort nach Jerusalem. Du hättest neben mir gesessen im Bus über den Checkpoint. Sie hätten deinen Pass angesehen und genau begutachtet und mich mit meinem Pass wieder nicht beachtet. Du wärst dabei gewesen, als die Polizei in Jerusalem in unseren Bus einstieg und uns nochmal kontrollierte. Diesmal auch mich. Du hättest mit angesehen, wie sie die Frau, die hinter mir saß, einfach mitgenommen haben. Du wärst mit mir mit der Straßenbahn durch Jerusalem zum Busbahnhof gefahren, um dort den Bus nach Haifa zu erwischen. Hätte ich dich mitgenommen, hättest du mir mein hebräisches Busticket vorlesen können, das sie mir gaben und mich damit allein ließen.

Du hättest neben mir im Bus gesessen, dich mit mir über das WLAN im Bus gefreut. Du hättest mir gesagt, wie normal es ist, dass im Bus Soldaten sitzen und ihre Waffe „aus versehen“ ständig auf ihren Vordermann gerichtet ist. Ich hätte dich mitgenommen, und du wärst mit mir in Haifa angekommen und wir hätten zusammen den Hitzeschock ertragen müssen. Du hättest mir wieder geholfen, weil alles auf Hebräisch geschrieben ist. Du wärst dabei gewesen, als ich erkannte, dass man hier einfach nicht mehr erkennt, ob jemand Muslim, Jude, Christ, Araber, Israeli oder irgendwas anderes ist.

Abendliche Bucht von Haifa

Du wärst bei mir gewesen, als mir bewusst wurde, dass ich ständig zwischen zwei völlig unterschiedlichen Kulturen und Lebensweisen hin und her switche. Du hättest neben mir gelegen am Strand und hättest mit mir die warmen Wellen des Meeres genossen. Du hättest mir übersetzen helfen können, als ich da im Wasser in meinem Bikini stand und mit dem vollverschleierten, badenden Mädchen ins Gespräch kam. Du wärst mit mir abends auf dem Konzert und dem Festival gewesen und hättest mit mir getanzt. Du hättest mit mir auf die Bucht von Haifa geblickt, während ich erkannte, wie absurd doch diese ganze Region ist. Wir hätten uns gemeinsam gefragt, wie man als junger Mensch so ein scheinbar unbeschwertes Leben führen kann, wenn doch tagtäglich Raketen auf einen geschossen werden und ein Krieg droht.

Getränkekarte in einer Bar

Ich hätte dich mitgenommen, in diese israelische Bar, in der das Bier „Nazi“ heißt, weil sie „Franziskaner“ nicht aussprechen können. Du wärst dabei gewesen, während die Gäste in der Bar Holocaust Witze machen und hättest neben mir gesessen, als ich überlegte, ob ich als Deutsche jetzt auch so lauthals lachen darf wie die anderen. Du wärst dabei gewesen, als plötzlich einer vor lauter Freude rief, dass es regnet und wir alle hinaus gingen um die wenigen Tropfen zu genießen und im Sommerregen zu tanzen. 

Ich hätte dich mitgenommen, rüber in diese andere Welt.

Ich hätte dich mitgenommen.
Aber da ist der Checkpoint.

Ein Besuch im orthodoxen Viertel in Jerusalem ist, als würde man in eine andere Welt eintauchen. Oder vielleicht ging es nur mir so, weil ich doch alles etwas sehr befremdlich fand.

Die Damen und Herren und auch die Kinder in diesen Straßen sehen sich alle sehr ähnlich. Alle tragen dunkle, lange, bedeckende Kleidung. Die Herren allesamt Hüte, manche sogar aus Fell. Auch die Damen bedecken ihren Kopf aus religiösen Gründen oder tragen eine Perücke. Sieht man nicht oft, so Perücken und entsprechend irritiert sah ich sie an…

Als wir da waren, war es ein Tag vor Yom Kippur, einem der höchsten jüdischen Feiertage. Dementsprechend gab es ein riesiges Angebot an Dekoration für dieses Fest und die Läden verkauften spezielles Equipment, dass für die Rituale an diesem Tag notwendig ist. Viele waren mit Koffern unterwegs, weil sie zu diesem Fest ihre Familien besuchen kamen. Die Balkone wurden schon für das nächste Fest vorbereitet und Hütten mit Palmblättern als Dach errichtet.

Überall hingen Plakate, die für spezielle Zitronen warben, die für das Fest wichtig sind, oder für Hühner, die man kaufen konnte um all seine Sünden auf sie zu übertragen und sich somit rein zu waschen. Da die Orthodoxen keine Zeitungen lesen, werden Sie über wichtige Neuigkeiten, wie z.B. Todesfälle ebenfalls auf Plakatwänden hingewiesen.

Alles ein wenig anders hier… seht selbst… Eure Ann Cathrin

Da ich jetzt im Hostel in Jerusalem bin und endlich Internet habe, kann ich nun endlich auch mal ein bisschen mehr schreiben über meinen Aufenthalt hier. Morgen ist Yom Kippur, bzw. ab heute Abend. Daher sind alle Geschäfte zu, kein Auto fährt und ich werde genug Zeit haben über die vergangene Woche zu berichten. Auch wenn es ein bisschen durcheinander wird. Ich beginne mit Jerusalem, obwohl ich hier erst den dritten Tag bin.

Ich habe das große Glück, dass Thorsten gerade auch hier ist. Er kennt sich super gut aus und hat mir die Altstadt von Jerusalem mit seinen vielen verschiedenen religiösen Vierteln gezeigt.

Begonnen haben wir mit dem muslimischen Viertel und seinen vielen kleinen Geschäften für Souveniers oder jeglichen religiösen Bedarf. Zum Glück war es an diesem Samstag nicht so voll und wir konnten uns relativ frei bewegen. Als erstes führte Thorsten mich auf das Dach eines Österreichischen Hospiz von welchem wir einen wunderbaren Blick auf die Altstadt hatten…. gerade als der Muezzin die Muslime zum Gebet rief.

An dem Hospiz entlang führt die Via Dolorosa – der letzte Weg den Jesus vor seiner Kreuzigung beschritten haben soll. Er führt steil hinauf zur Grabeskirche und steht an dem Ort, an dem Jesus gekreuzigt und begraben worden sein soll. Dazu aber später mehr.

Wir sind zu erst zur Klagemauer gegangen. Der Eingang dorthin ist mit einer Sicherheitskontrolle versehen, die aber wirklich sehr lasch ist. Vor der Klagemauer waren unglaublich viele touristische Gruppen anwesend, sowie israelische Soldaten auf Ausflug und jüdische Kinder-Gruppen. Der Bereich vor der Klagemauer ist in zwei Bereiche geteilt. Einer für Männer und ein kleinerer für Frauen. Als ich da war, war der Herren-Bereich sehr leer, dafür der für die Frauen sehr voll. Da man sich an so einem heiligen Ort natürlich züchtig anziehen muss, sah man diverse Frauen (vornehmlich aus Ost-Europa) die sich provisorisch am Ober- als auch am Unterkörper mit diversen Tüchern bedeckten um überhaupt zu diesem Ort gelangen zu können. Ich war also nun mitten in dem Gewusel aus Frauen, die an oder vor der Mauer beteten oder ihre Gebete in die Ritzen der Mauer steckten – und ich glaube es war das erste Mal, dass ich Juden live beim Gebet zusah.

Es ging wieder zurück zur Via Dolorosa, auf der christliche Besucher den Leidensweg Jesu nachempfinden. Der schmale Weg ist wirklich voll von Menschen doch Thorsten kannte eine Abkürzung, die scheinbar auch die Mönche kennen, und so konnte ich zwar nicht den Leidensweg Jesu nachempfinden, kam dafür aber schneller hoch zur Grabeskirche. Und auch die Abkürzung war nicht gerade „unbeschwerlich“.

In der Grabeskirche sieht man gleich zu Beginn den Stein auf dem Jesu nach seiner Kreuzigung eingesalbt wurde. Die gläubigen Besucher der Kirche knien vor Ihm nieder und küssen ihn. Für mich alles ein bisschen merkwürdig – vor allem wenn es wieder die provisorisch bedeckten, eigentlich halbnackten Damen machen… In der Kirche sind mehrere christliche Konfessionen ansässig, die in ihren Teilen der Kirche ihren Gottesdienst abhalten. Jeder Teil hat seinen ganz eignen Charme und man merkt, aus welcher Konfession wie viele Besucher kommen. Ein paar Bereiche waren ziemlich leer.

Gleich in der Nähe ist die Omar-Moschee, die Thorsten schon immer mal angucken wollte, aber sie ist nur für Muslime zum Gebet gedacht. Sollte uns aber nicht abhalten, also kurzerhand einen herauskommenden Mann gefragt, ob wir rein können und uns die Moschee angucken dürfen, der hat sofort ja gesagt, sofern ich mich korrekt anziehe. Alles kein Problem, Tüchlein rausgeholt um Kopf gewickelt und rein. Leider eine komplette Enttäuschung für den architektonischen Bewunderer: die Moschee dient wirklich nur zum Beten. Viel zu sehen gab es – ganz besonders im Frauenbereich leider nicht.

Also weiter durch das christliche Viertel und eine kurze Rast einlegen in einem Cafe über den Dächern der Altstadt – wirklich eine traumhafte Aussicht hier. Und das gerade beim perfektem Licht am frühen Abend.

Als nächstes ging es dann ins jüdische Viertel, dass durch einen Krieg erheblichen Schaden genommen hat und dadurch ganz anders, viel moderner aussieht als der restliche Teil der Altstadt. Hier findet man auch Ausgrabungen von Verkehrsstraßen, die die Römer hinterlassen haben. Da es hier etwas weitläufiger ist, ist es nicht ganz zu wuselig wie im arabischen Viertel. Vielleicht lag es auch an der immer später werdenden Stunde, aber dennoch war relativ viel los auf den Gassen und Plätzen, auf denen jüdische Familien den Abend mit ihren Kindern verbrachten.

Zuletzt ging es dann ins armenische Viertel, in dem man nicht wirklich was sieht. Die „Häuser“ sind einfach nur lange Mauern mit einzelnen winzigen Fenstern, hintern denen sich dann die Häuser bzw. Wohnungen verstecken. Eingänge soll, ja muss es geben, ich habe jedoch keinen gesehen…

Als wir aus der Altstadt heraus kamen, sahen wir ein herrliches Panorama über Jerusalem – inklusive Sonnenuntergang und langsam hervorkommender Mondsichel. Ein herrlicher erster Tag in der Heiligen Stadt.


Gestern, also einen Tag später, sind wir dann nochmal in die Altstadt um den Felsendom und die al-Aqsa Moschee, die drittwichtigste Moschee der Muslime zu sehen. Als Tourist kann man sie nämlich nur morgens und zwischen den Gebetszeiten besuchen. Aber diese goldene Kuppel des Felsendoms aus der Nähe zu sehen und die faszinierenden Mosaikarbeiten an der Außenwand zu betrachten ist das frühe Aufstehen und Anstehen auf jeden Fall wert!

 

 

 

Eine Reise nach Israel – Sicherheitstechnisch ein großes Abenteuer – darauf hatte ich mich eingestellt, aber dann doch irgendwie nicht damit gerechnet. Und vor allem nicht, dass es mich so mitnehmen würde.

Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich mit ein paar meiner Mädels das Wochenende in Frankfurt verbracht habe und kaum schlief. Schon gar nicht in der Nacht vor meiner Abreise. Denn da kam noch hinzu, dass ich an meinem Geburtstag fliegen sollte – um 6 Uhr morgens. Daher blieb uns nichts anderes übrig, als die Nacht durch zu machen, um noch rechtzeitig am Flughafen Basel anzukommen. Denn dort sollte ich laut einer Mail die ein paar Tage zuvor gekommen ist, nicht zwei Stunden sondern aufgrund von Sicherheitschecks drei Stunden vorher eintreffen. Wie man das mit seiner deutschen Tugend bezüglich Pünktlichkeit nun mal macht, sind wir auch früh losgefahren, um rechtzeitig zum Sicherheitscheck da zu sein. Andere wollten sich wohl auch daran halten, nur die Schweizer mit ihrem Flughafen oder die Engländer mit ihrer Airline wollten sich wohl nicht an ihre eigenen Vorgaben halten. Der Check-In machte dennoch erst um 4 Uhr auf. Den schwierigen Sicherheitscheck bestand ich auch mit Bravour. Schließlich konnte ich die Fragen „Ist das Ihr Koffer?“ und „Haben Sie den Koffer selbst gepackt?“ eindeutig mit „ja“ beantworten. Puh – erst Hürde geschafft.

Vom Flug selbst habe ich kaum was mitbekommen, außer dass das Flugzeug wirklich eng war und man die Rückenlehnen nicht verstellen konnte (endlich wollte ich mal keine Rücksicht auf die Person hinter mir nehmen!) und ich nur mit Verrenkungen schlafen konnte. Zum Glück hab ich Pluti extra als Kissen mitgenommen, und neben mir waren Kinder – da konnte man schonmal ein bisschen auf deren Platz rutschen.

Endlich in Tel Aviv gelandet, war ich noch immer völlig verplant. Quasi über 24h ohne wirklichen erholsamen Schlaf hinter mir, schweres Handgepäck und mit hohe Schuhen (aus Gewichts- und Platzgründen mussten die an die Füße) stapfte ich zur Zollkontrolle. Kurz gewartet, Pass vorgelegt und dann ehrlich wie ich bin, erzählt was ich in Israel – und in Palästina – will. Das hat die junge Dame auch alles zur Kenntnis genommen, während sie meinen Pass durchblätterte und die Stempel diverser arabischer Länder betrachtete. Allerdings schien ihr Interesse deutlich auf meinen Besuch bei einem Freund in Hebron zu liegen, bei dem ich die meiste Zeit verbringen wollte. Also Name genannt, vorher ich ihn kenne und wie lange ich plane bei ihm zu bleiben. Alles gemacht – nichts geholfen. Also ab in den Wartebereich für die besonders kritischen Fälle.

Jetzt bekam ich schon ein wenig Angst. Ich hatte schon beim Auswärtigen Amt gelesen, dass es zu Befragungen kommen kann – vor allem wenn man Stempel im Pass hat, die nicht aus Jordanien oder Ägypten sind. Ich hatte einen aus Dubai und Oman und hielt sie eigentlich nicht für sonderlich kritisch. Ich wartete und wartete. Die Türkinnen bekamen relativ schnell ihren Pass zurück. Eine Reisegruppe die scheinbar durch mehrere Länder reisen wollte, hatte wohl auch größere Probleme. Ein Ägypter, wohl Mitarbeiter eines Ministeriums saß auch schon eine Weile dort und ein anderer Araber – wie sich später herausstellen sollte ein Palästinenser mit Israelischem Pass – schien wirklich schon eine Ewigkeit zu warten. Auch ich wartete eine knappe Dreiviertelstunde bis endlich mein Name aufgerufen wurde und ich in ein Hinterzimmer zur Befragung gebracht wurde.

Das Problem waren scheinbar nicht die Stempel, sondern der Besuch in Hebron. Ich musste wieder alles erzählen – diesmal allerdings ausführlicher.  Woher kenne ich ihn, was will ich hier, was studiere ich, welches Semester, wie heißt sein Vater, wann hat er Geburtstag und noch viel mehr. Ich beantwortete ihr alles, gab ihr Telefonnummern und Emailadressen. Wir fanden meinen Freund in der Datenbank, sodass auch sichergestellt werden konnte, dass ich mir keine Person ausgedacht habe. Ich wurde gefragt ob ich meinen Stempel im Pass oder lieber auf einen extra Zettel haben möchte. Extra Zettel bitte – wenn es keine Umstände macht.

Jetzt hab ich es geschafft – dachte ich. Und hoffte, dass der Cousin, der mich abholen sollte noch auf mich wartete. Durch die Zollkontrolle und am Durchgang zur Gepäckabholung Pass mit Zettel und Stempel vorgezeigt. Doch Pustekuchen. Ich solle bitte mein Gepäck holen, es müsse einem Sicherheitscheck unterzogen werden. Jetzt war ich wirklich kurz davor zu explodieren. Haben die nicht gerade schon alles überprüft? Jetzt noch mein Gepäck?? Das wird doch schon standardmäßig überprüft. Ich sollte meinen Koffer holen. Der stand einsam und allein neben dem Gepäckband – jeder hätte ihn mitnehmen können. So gehen sie also mit Koffern von möglichen Kriminellen um? Ich war außer mir. Und dann sollte ich schon wieder warten. Ich glaube die junge Sicherheitsbeamtin sah mir meine Wut förmlich an und brachte mir gleich einen Stuhl – denn Sitzmöglichkeiten gab es auch nicht oder waren besetzt.

Kurz nach mir kam dann auch der Palästinenser, der schon eine Ewigkeit warten musste. Wir wurden in einen Hinterraum bei der Gepäckabholung geführt. Er sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen. Die machen das oft und immer mit ihm.

In dem Zimmer wurde dann mein Gepäck nochmals durchleuchtet. Ich musste wieder durch einen Metalldetektor gehen und vorher meinen Gürtel abgeben. Es piepte wie schon in Basel nicht und die zweite Frau die mit war bat mich zu warten und ging mit meinem Gürtel weg. Wahrscheinlich um ihn auf irgendwelche Rückstände zu untersuchen… In diesem Moment konnte ich nicht mehr. Zufällige Sprengstofftests an meiner Kamera war ich gewöhnt – aber jetzt auch noch meinen Gürtel verdächtigen? Ich fing an zu weinen. Das war alles zu viel. Die Sicherheitsbeamtin fragte was denn los sei und ich sagte ihr ziemlich boshaft, dass ich seit 24 Stunden nicht geschlafen habe, heute mein Geburtstag ist und ich mich wie eine Schwerstkriminelle fühle. Sie guckte, als wäre ihr das gar nicht so bewusst, dass man sich so aufgrund dieser Sicherheitsprozedur fühlt. Wegen dem Geburtstag schien sie aber irgendwie Mitleid zu haben. Ein „Happy Birthday“ huschte ihr – wie allen anderen Leuten die meinen Pass in der Hand hatten – allerdings nicht über die Lippen (Ich frage mich echt, ob die nicht richtig lesen, oder ob es denen egal ist, dass ich Geburtstag habe. Ich war als Geburtstags-Liebhaberin an diesem Tag aber mächtig enttäuscht).

Mit Tränen im Gesicht nahm ich wieder neben dem Palästinenser Platz. Er tröstete mich und sagte, dass er das jedes Mal mitmachen muss. Er kann in jedes Land einreisen – nie Probleme – nur hier; jedes mal die gleiche Prozedur. Wenigstens er gratulierte mir zum Geburtstag und auf meine Angst, niemand könne mehr da sein um mich abzuholen, sagte er nur, dass er in Jerusalem wohnt und mich erst mal dorthin mitnehmen könne. Wenigstens das war geregelt.

Ich wurde gefragt, ob ich dabei sein möchte, während mein Handgepäck gecheckt wird. Ich sagte ja, und nutze gleich die Gelegenheit wutentbrannt meine hohen Schuhe gegen die Ballerinas aus dem Koffer zu tauschen. In meiner Tasche gab es dann wohl auch noch geheimnisvolle Sachen, die sich aber als Ungefährlich rausstellten. Und wir bekamen beide unseren Pass zurück. Ich schaute gar nicht rein – dummerweise – sondern nahm ihn einfach entgegen.

Der Palästinenser nahm meinen Koffer und ging mit mir raus. Ich glaube dort wollten sie ihn schon wieder aufhalten – aber ich habe nicht verstanden was er mit den Zollbeamten bei der Deklaration redete. Jedenfalls durften wir weitergehen. Und da stand zum Glück noch der Cousin – zweieinhalb Stunden hatte er auch mich gewartet mit meinem Namen in der Hand (was ihm wohl unglaublich peinlich war). Er war mit einem Freund da, der Englisch sprach. Sie sprachen noch kurz mit dem Palästinenser der mich begleitete, nahmen mein Gepäck, besorgten mir noch was zu trinken und wir fuhren Richtung Hebron.

Meine ersten Gedanken in Israel waren: hierher komme ich NIE wieder. Ich besuche alles was ich sehen will, damit ich NIE wieder kommen muss. Bisher hat sich das ein wenig gelegt – vielleicht aber auch, weil ich bisher noch keinem Checkpoint oder Grenzkontrolle wieder begegnet bin.

Die Zettel in meinem Pass schaute ich mir erst zwei Tage später an. Der eine war offensichtlich der Stempel, der andere nur auf Hebräisch und Arabisch. Ich gab ihn meinem Freund und fragte was das sein soll. Eine Vorladung zur Polizei. Am nächsten Tag sollte ich mich in Ramallah vorstellen. Der Vater rief die angegebene Nummer an um nachzufragen ob wir auch nach Hebron können, denn nach Ramallah ist es ein umständlicher Weg. Und außerdem wollte er fragen: warum geben die mir sowas? Erstens warum nur auf Hebräisch und Arabisch und zweitens dürften sie das gar nicht, mich bei der Polizei vorladen. Sie hätte sich an mein Konsulat wenden müssen. Wir erreichten niemanden und so fuhren wir am nächsten Tag erst mal zur Polizei nach Hebron. Dort war man genauso verwundert wie wir über meine Vorladung und es stellte sich sehr bald heraus, dass sie gar nicht für mich war, sondern für einen Muhammad – vermutlich der Palästinenser der mich begleitete. Er hätte sich an diesem Tag bei der Polizei vorstellen sollen. Die Polizei aus Hebron sagte in Ramallah Bescheid. Ob der Zettel mit Absicht oder ausversehen in meinen Pass kam, wer weiß das. Ich hoffe nur, dass der nette Muhammad keine Probleme deswegen bekam…