Follow Me

Close

Die Ereignisse nach Köln und die darauf folgende gesellschaftliche Debatte (Wenn man das überhaupt noch so nennen kann), haben mich sehr nachdenklich gemacht. Einer der Gründe, warum ich jetzt die Rubrik „Sunday Thoughts“ auf unserem Blog starten möchte.

In den letzten Monaten habe ich kaum was gebloggt – nur meine zwei sehr persönlichen Artikel. Über meine Depression und sexuelle Belästigungen die ich bisher erlebt habe. Beide Artikel sind auf wunderbare Resonanz gestoßen, und ich bin allen für Ihr Feedback dankbar und freue mich auch darüber, dass Betroffene mir schrieben. Bei letzterem Artikel kam bisher nur ein ziemlich dummer Kommentar – und den habe ich auch freigegeben. Denn ich denke, sowas muss sichtbar sein. Genauso wie die ganzen Rückmeldungen die ich auf Twitter bekommen habe. Manche davon habe ich auf Facebook veröffentlicht. Man muss natürlich nicht mit mir einer Meinung sein, aber was man sich – gerade als Frau – auf solchen Netzwerken anhören muss ist nicht ganz ohne. Und ich habe nur eine sehr, sehr kleine Reichweite. Je mehr Reichweite, desto schlimmer die Beleidigungen und Drohungen
IMG_0330IMG_0363

Interessant ist dabei, dass sie fast hauptsächlich (in meinem Fall ausschließlich) von Männern kommen. Weißen Männern, wie ich vermute. Diejenigen, die sich nun plötzlich für die Rechte der Frauen einsetzen und lauthals gegen „die Flüchtlinge“ wettern und hetzen – die natürlich zu verurteilende Straftaten in Köln begangen haben. Schlimm finde ich vor allem, dass wir erst jetzt über das Sexualstrafrecht nachdenken – und wir gar nicht, vermutlich nie – darüber reden, dass den Männern, die den Frauen das antaten, aufgrund unzureichender Gesetze vielleicht nie richtig belangt werden. Mehr dazu könnt Ihr hier nachlesen. Auch lesenswert in Bezug auf die Rechtslage ist die Kolumne „Unser Sexmob“.

Ebenso widerlich finde ich die aktuelle Debatte. Nicht nur unter den „normalen Bürgern“, sondern auch in den Nachrichtenmagazinen, Feuilletons und Kolumnen. Plötzlich wissen sie wieder alle Bescheid: über Frauen, den Islam, die Rolle der Frau im Islam, den patriarchalen Strukturen, Integration, das sexuelle Verlangen des muslimisches Mannes und natürlich der Rassenkunde. Wieder werden alle und alles über einen Kamm geschert – wir importieren uns die Frauenverachter und merken mal wieder nicht wie frauenverachtend unsere Gesellschaft selbst ist . Das soll keinesfalls relativieren, dass in anderen Ländern – und das überall auf der Welt – die Position der Frau deutlich schlechter ist als bei uns, aber wie können wir es uns heraus nehmen, so über andere zu reden, so zu urteilen, als seien wir perfekt und die idealen Vorreiter in Sachen Frauenrechte? Die wunderbare Moshtari hat einen tollen Artikel im „der Freitag“ veröffentlicht, in dem sie zeigt, wie Polemik in Debatten – vor allem auch in den Medien funktioniert. Und „Monitor“ hat mit Monika Hauser gesprochen, die davor warnt, das rechte Kräfte die Debatte übernehmen.

Was also tun? Ich möchte nicht dran verzweifeln. Und ich möchte nicht in so einer Gesellschaft leben. Nicht nur schwarz weiß denken. Erstens nicht in einer, die so empfänglich für so viel Hass ist und zweitens in einer, die mit gespaltener Zunge spricht. Irgendwas werde ich tun müssen und ich bin froh um die Gespräche mit Leuten, die das ebenso sehen.

Gott bewahre!
Ok, nein, so schlimm wäre es nun auch nicht.

Bei Farina gehört’s dazu, bei mir ist’s wiedermal nur rum gesponnen…

Mein Konvertieren zum Islam ist komischerweise bei vielen Thema. Wie ich jüngst feststellen musste, sogar bei Leuten, die ich gar nicht wirklich kenne. Da bekomme ich plötzlich mitten auf der Autobahn Glückwünsche übermittelt: „Ich wünsche Dir alles gute für Deinen Weg.“ – Huch? Woher wusste derjenige, dass ich auf der Autobahn bin? Wusste er natürlich nicht. Man sah mich angeblich in der örtlichen Moschee, in der ich mich zum Islam bekannt haben soll. War scheinbar ein anderes Mädchen mit dem gleichen (oder zumindest ähnlichem Namen). Missverständnis geklärt – alles gut. Obwohl das Gerücht wohl noch immer in Tübingen rum schwirrt.

Während ein Großteil meiner Freunde und Bekannten es vermutlich begrüßen würde, wenn ich zum Islam konvertiere, wäre so eine Nachricht für meine Freunde im Norden und die meisten meiner Familie sicher eine Schreckensnachricht. Ich spüre oft bei Gesprächen diese Angst, die Tochter, die Freundin an den Islam zu verlieren. Diese dezente Frage „… aber Du bist doch nicht … oder?“ stellt sich immer öfter. Dazu noch nebenbei die Beobachtungen wenn ich im Norden bin „Isst sie auch noch brav Schweinefleisch und trinkt Alkohol?“. Ich finde es ziemlich ulkig und kann hiermit beruhigen: ja tue ich. Bitte keine Panik.

Diese Angst meiner Familie und Freunde macht mir Angst. Ja, durch mein Studium und meinen Freundeskreis hier in Tübingen beschäftige ich mich unglaublich viel mit dem Islam. Ich mag ihn auch. Nur nicht für mich. Das weiß eigentlich auch jeder. Dennoch ist da bei vielen diese Angst um mich. Doch womit begründen sie sie? Was wäre so schrecklich daran, wenn ich mich entscheiden würde Muslima zu sein? Dass ich dann evtl. ein Kopftuch tragen würde und fünfmal am Tag beten würde? Würde so etwas irgendwas an einem Verhältnis zwischen zwei Menschen ändern? Meiner Meinung nach nicht – nach deren scheinbar schon. Ich verstehe es nicht.

Man hat Angst um mich, ich habe Angst um die anderen. Was veranlasst sie dazu, so eine Angst vor dem Islam zu haben? Wäre es besser wenn ich Katholikin werden würde? Wann ja, warum? In Gesprächen versuche ich immer nach dem Grund zu forschen. Und das einzige was ich erkenne ist blanke Unwissenheit. Vielleicht kommt die Angst daher. Man hat oftmals Angst vor etwas was man nicht kennt.

So wie es ist, bin ich glücklich und zufrieden. Das soll auch erstmal so bleiben. Wenn sich daran irgendetwas ändern soll, dann wird das so passieren; aber ob und wann, dass weiß heute keiner. Ich bin froh, dass man mich hier in meinem Freundeskreis so nimmt wie ich bin. Mit meinen religiösen Ansichten, mit meinem Bedarf an kontroversen Diskussionen über Religionen, aber auch meinem Interesse an der Kultur und Religion von dem Großteil meiner Freunde. Ich bin Ihnen dankbar, dass sie das alles mit machen, mir neue Erkenntnisse und Ansichten offenbaren und mich teilhaben lassen – und das ohne auch nur einmal von mir zu verlangen zu konvertieren. Das ist ihnen wichtig, und das ist mir wichtig. Und so lebe ich mit allen mein wundervolles Studentenleben in Tübingen weiter und bin glücklich – als Kryptomuslimin, wie mich hier so mancher liebevoll nennt. 🙂

– Ann Cathrin

Ursprünglich wollte ich euch heute ein paar wirklich schöne Bilder aus der Wilhelma, dem Zoo in Stuttgart, zeigen, in dem wir gestern waren. Da aber mein PC gerade ein wenig bockig ist und keine USB Geräte annimmt, will ich euch ein wirklich schönes und interessantes Video ans Herz legen. Die Photos kommen dann ein anderes Mal 🙂

Das Video ist eine dreiviertelstündige Reportage, die im Bayrischen Rundfunk lief und über das Leben von Hülya Kandemir, einer tollen Sängerin mit faszinierender Lebensgeschichte, erzählt. Für das Video einmal klicken:

Das Mädchen mit der Gitarre

20120601-164238.jpgIslamwissenschaften zu studieren war nie mein Plan. Dennoch bin ich heute mehr als froh über diese Entscheidung. Froh war ich auch, als SPIEGEL ONLINE bei unserer Fachschaft anfragte, ob wir Studenten haben, die sich gerne zu ihrer Studienfachwahl interviewen lassen wollten. Ich meldete mich gerne – wollte ich doch mal erzählen, dass man als angehende Islamwissenschaftlerin auf den Plan haben kann in der freien Wirtschaft Fuß zu fassen.

Dass ich vom SPIEGEL dann zur „Geschäftsfrau mit Gottes Hilfe“ gemacht wurde fand ich noch amüsant. Auch über die kleinen Fehler in meinem Text habe ich getrost hinweg gesehen. Ich war stolz, als er nach gut einem halben Jahr endlich veröffentlicht wurde – auch wenn der Anlass kein schöner war und die Verbindung zu den Terror-Anschlägen von Toulouse eher unpassend gewählt war.

Ich machte mir sorgen über die Kommentare, die auf meinen Artikel folgen würden. Unter dem Artikel selber und auf der Facebook-Seite von SPIEGEL ONLINE. Ich verfolgte sie oberflächlich und war einerseits froh, dass nichts gegen mich persönlich ging, andererseits wieder einmal erschrocken über die vielen selbsternannten Islam-Experten und ihre abstrusen Meinungen zum Islam. Ich kommentierte nichts – ich halte es für zwecklos.

In den letzten Tagen beschloss ich mich mal wieder zu googeln. Reine Vorsichtsmaßnahme, man weiß ja nie. Was ich da entdeckte schockierte mich. Ein Blog namens „Europäische Werte“, der eigentlich nur Islam-Hass schürt kommentierte den Artikel über mich und andere Studenten der Islamwissenschaft. Abgesehen davon, dass der Kommentar unglaublich schlecht geschrieben ist, bin ich entsetzt darüber, wie Menschen es sich anmaßen derart über unsere Studienwahl zu urteilen. Gehört es nicht zu den „Europäischen Werten“ dieser Bloggerin, dass man sein Studienfach frei nach seinem Interesse wählen darf? Ich bin verwirrt…

Was mich allerdings noch mehr verwirrt, nein erbost ist der Rest ihres Blog. Beim Lesen frage ich mich, was für Werte diese Bloggerin überhaupt hat. Wie will jemand, der so eine Hass-Propaganda betreibt überhaupt Werte vertreten können? Eigentlich frage ich mich nur, wie jemand so dämlich sein kann.

Mich interessiert am „rosaroten Islamismus“, dass er nicht rosarot ist. Aber er ist auch nicht schwarz. Mich interessiert was „Islamismus“ wirklich ist, und das nicht alles „Islamismus“ ist. Ich will mehr wissen über die Menschen, die Kultur, die Länder erfahren, die mit dem Islam leben – und das begann schon vor der „Integrationsdebatte“. Ich bin froh mehr über das Thema zu wissen von dem alle meinen alles zu wissen – denn meiner Meinung nach herrscht in Deutschland immer noch eine große Unwissenheit über das Thema „Islam“. Ich habe selber keine rosarote Brille auf und möchte sie auch keinem aufsetzen – aber ich möchte so manchem gern die Brille putzen…