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Die Ereignisse nach Köln und die darauf folgende gesellschaftliche Debatte (Wenn man das überhaupt noch so nennen kann), haben mich sehr nachdenklich gemacht. Einer der Gründe, warum ich jetzt die Rubrik „Sunday Thoughts“ auf unserem Blog starten möchte.

In den letzten Monaten habe ich kaum was gebloggt – nur meine zwei sehr persönlichen Artikel. Über meine Depression und sexuelle Belästigungen die ich bisher erlebt habe. Beide Artikel sind auf wunderbare Resonanz gestoßen, und ich bin allen für Ihr Feedback dankbar und freue mich auch darüber, dass Betroffene mir schrieben. Bei letzterem Artikel kam bisher nur ein ziemlich dummer Kommentar – und den habe ich auch freigegeben. Denn ich denke, sowas muss sichtbar sein. Genauso wie die ganzen Rückmeldungen die ich auf Twitter bekommen habe. Manche davon habe ich auf Facebook veröffentlicht. Man muss natürlich nicht mit mir einer Meinung sein, aber was man sich – gerade als Frau – auf solchen Netzwerken anhören muss ist nicht ganz ohne. Und ich habe nur eine sehr, sehr kleine Reichweite. Je mehr Reichweite, desto schlimmer die Beleidigungen und Drohungen
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Interessant ist dabei, dass sie fast hauptsächlich (in meinem Fall ausschließlich) von Männern kommen. Weißen Männern, wie ich vermute. Diejenigen, die sich nun plötzlich für die Rechte der Frauen einsetzen und lauthals gegen „die Flüchtlinge“ wettern und hetzen – die natürlich zu verurteilende Straftaten in Köln begangen haben. Schlimm finde ich vor allem, dass wir erst jetzt über das Sexualstrafrecht nachdenken – und wir gar nicht, vermutlich nie – darüber reden, dass den Männern, die den Frauen das antaten, aufgrund unzureichender Gesetze vielleicht nie richtig belangt werden. Mehr dazu könnt Ihr hier nachlesen. Auch lesenswert in Bezug auf die Rechtslage ist die Kolumne „Unser Sexmob“.

Ebenso widerlich finde ich die aktuelle Debatte. Nicht nur unter den „normalen Bürgern“, sondern auch in den Nachrichtenmagazinen, Feuilletons und Kolumnen. Plötzlich wissen sie wieder alle Bescheid: über Frauen, den Islam, die Rolle der Frau im Islam, den patriarchalen Strukturen, Integration, das sexuelle Verlangen des muslimisches Mannes und natürlich der Rassenkunde. Wieder werden alle und alles über einen Kamm geschert – wir importieren uns die Frauenverachter und merken mal wieder nicht wie frauenverachtend unsere Gesellschaft selbst ist . Das soll keinesfalls relativieren, dass in anderen Ländern – und das überall auf der Welt – die Position der Frau deutlich schlechter ist als bei uns, aber wie können wir es uns heraus nehmen, so über andere zu reden, so zu urteilen, als seien wir perfekt und die idealen Vorreiter in Sachen Frauenrechte? Die wunderbare Moshtari hat einen tollen Artikel im „der Freitag“ veröffentlicht, in dem sie zeigt, wie Polemik in Debatten – vor allem auch in den Medien funktioniert. Und „Monitor“ hat mit Monika Hauser gesprochen, die davor warnt, das rechte Kräfte die Debatte übernehmen.

Was also tun? Ich möchte nicht dran verzweifeln. Und ich möchte nicht in so einer Gesellschaft leben. Nicht nur schwarz weiß denken. Erstens nicht in einer, die so empfänglich für so viel Hass ist und zweitens in einer, die mit gespaltener Zunge spricht. Irgendwas werde ich tun müssen und ich bin froh um die Gespräche mit Leuten, die das ebenso sehen.

Seit Monaten rege ich mich schon auf – und das über eine Sache die mich nicht betrifft. Die mich NOCH nicht betrifft.

Worüber ich mich aufrege? Über das Betreuungsgeld oder die „Herdpauschale“. Aber auch über Frauenquoten und fehlende Kita- und Krippenplätze. Noch betrifft mich das alles nicht, aber ich gehöre zu den jungen Frauen, die das wohl ziemlich bald betreffen wird, die mit eventuell halbwegs etablierten Systemen diesbezüglich leben muss. Und daher frage ich mich: warum fragt uns eigentlich keiner nach seiner Meinung? Ich höre und lese immer nur die Meinung von Frauen, jüngstens Mitte 30 und Männern. Was ist aber mit uns jungen Frauen, die das alle betreffen werden?

Ich und alle jungen Frauen meiner Generation sollen nicht nur perfekt ausgebildet sein – gerne Akademikerin mit sehr gutem Masterabschluss wenn nicht sogar Promotion – wir sollen in Führungsetagen wollen, wir sollen Vorstandsvorsitzende werden, Quoten in Führungsetagen aller Art erfüllen und nebenbei noch mindestens zwei Kinder bekommen um damit etwas gegen den Demografischen Wandel zu tun. Neben unserer Führungsposition sollen wir uns natürlich noch die ersten drei Lebensjahre um das Kind kümmern, es dann in die Kita geben, um es dann am Nachmittag selbst zu betreuen. Schön und gut – nur wie soll das gehen?

Ich mache mir schon seit Jahren Gedanken darum, wie meine Zukunft mit Kindern und Job aussehen soll. Meinen Master werde ich voraussichtlich mit Ende 26, Anfang 27 machen um dann hoffentlich direkt ins Berufsleben einzusteigen. Bevor ich ans Kinderkriegen denken sollte, sollte ich erstmal ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln, damit ich nicht nur eine Position erreichen kann, die mir gefällt, nein, ich möchte auch nach einer eventuellen Babypause direkt wieder einsteigen und das ist nur möglich, wenn man Beruflich was vorzuweisen hat.

Ist das erste Kind dann mit Anfang 30 erstmal da möchte ich mich sicherlich erstmal eine Weile um mein Kind kümmern. Wie lange diese „Weile“ dann sein wird, weiß ich nicht. Aber wohin mit dem Baby, wenn die „Weile“ nicht so lange gehen soll. Gibt es genug Krippenplätze? Kann man sich auf eine Tagesmutter verlassen? Und macht überhaupt der Arbeitgeber mit, dass ich eventuell flexibler und auch von zu Hause arbeiten möchte und muss um mich um mein Kind zu kümmern? Drei Jahre zu Hause bleiben kann ich mir nicht vorstellen – und auch kein Betreuungsgeld der Welt würde mich dazu bringen. Wie bescheuert ich diese Idee finde, möchte ich hier gar nicht erst ausbreiten. Vor allem setzt es völlig falsche Anreize an junge Frauen und an Gleichberechtigung bzw. Gleichbehandlung mit Männern ist durch ein Betreuungsgeld gar nicht erst zu denken (ja, auch wenn nur von Frauen gesprochen wird, Männer könnten es ja auch bekommen…).

Wie soll ich also als junge Frau mit diesen ganzen Anforderungen klar kommen? Wie soll ich all diese Anforderungen erfüllen und wie kann ich mich selbst verwirklichen? Wird es in fünf Jahren soweit sein, dass Arbeitgeber flächendeckend Verständnis für Frauen und Eltern haben, die sich um ihr Kind kümmern möchten und daher auf Leistung und nicht Anwesenheit im Büro achten? Und kann ich das alles überhaupt mit einer Führungsposition vereinbaren? Lässt es die Gesellschaft zu, dass ich mich für eine Karriere und Kinder entscheide und zwar weniger Zeit mit meinem Kind verbringe als „normale“ Mütter, dafür aber diese Zeit intensiver nutze?

Ich habe wirklich Angst vor alledem. Vielleicht sind es nicht die Anforderungen an mich die mir Angst machen sondern habe ich Angst weil ich zu viel will? Nein, ich glaube nicht. Wir jungen Frauen haben heute so viele Möglichkeiten uns selbst zu verwirklichen, unabhängig und eigenständig zu sein und sollten diese auch nutzen. Dabei sollten wir aber auch nicht auf das Glück verzichten, Mutter von ein paar Kindern zu sein. Und da uns Frauen „die Natur einen Strich durch die Rechnung“ gemacht, aber uns auch das Glück geschenkt hat, Mutter zu werden, müssen wir damit klar kommen, dass wir – mehr als Männer – beides unter einen Hut kriegen wollen und auch müssen.

Und natürlich muss auch zum Abschluss gesagt werden, dass Männer immer mehr Druck ausgesetzt sind. Auch sie sollen den Balanceakt zwischen Karriere und liebevollem Vater meistern, der sich mehrere Monate Elternzeit nimmt und sich intensiver um seine Kinder kümmert.

Ich wünsche mir daher, dass man uns junge Frauen (und auch Männer) mehr anhört, mit unseren Sorgen und Zukunftsängsten. Denn planen kann man heute viel – umsetzen werden wir es müssen. Und ich wünsche mir, dass die Gesellschaft schon bald meine Entscheidung als Frau akzeptiert. Ob sie nun lautet, dass ich nur Karriere mache, nur Mutter bin, oder den Spagat wage und beides vom Leben fordere.