In Jenin kräht der Hahn


Da Thorsten so einen schönen Bericht über unseren Trip nach Jenin geschrieben hat, möchte ich ihn auch hier bei uns veröffentlichen. Wer mehr von Thorsten lesen möchte, u.a. auch seine weiteren Reiseberichte aus Israel und Palästina, dem sei sein Blog Thorschten’s News Channel wärmstens empfohlen!

Nach verschiedenen kurzen Touren nach Hebron und Nablus wollte ich nun endlich auch einmal nach Jenin kommen – in die Stadt, die vor allem wegen ihrer Rolle während der Zweiten Intifada traurige Berühmtheit erlangte hatte. Vor allem das Flüchtlingslager galt als Hochburg der Hamas und der Al-Aqsa-Brigaden. Von hier aus starteten zwischen den Jahren 2000 und 2003 mindestens 28 Selbstmordattentäter ihre tödliche Mission. Im Jahr 2002 rückte die israelische Armee ein, es gab tagelange Gefechte, zahlreiche Tote und ein Teil des Flüchtlingslagers wurde von israelischen Bulldozern zerstört. Die aktuellste Erwähnung fand Jenin jedoch in dem Film „Cinema Jenin“, der über die Renovierung des gleichnamigen Kinos der Stadt gedreht wurde. Dieses Kino wollte ich auf jeden Fall sehen.

Zusammen mit Ann Cathrin, Chris und unserem palästinensischen Bekannten Wahib, der in Tübingen studiert, machten wir uns mit einem Mietauto auf den Weg nach Norden. Chris und ich stießen von Jerusalem aus am Qalandiya-Checkpoint zu den beiden anderen.

Mit unserem roten Honda fuhren wir dann zunächst in Richtung Nablus. Erstaunlicherweise sollten wir von keinem einzigen Checkpoint aufgehalten werden. Die massiven Betonblöcke säumen zwar noch den Weg und die Straße ist von Verkehrsberuhigungsmaßnahmen entschleunigt, doch es sind kaum israelische Soldaten zu sehen. Allein einige jüdische Siedlungen liegen links und rechts der Siedlerstraße, die zurzeit größtenteils auch für palästinensische Autos geöffnet ist. Vor einigen Jahren noch gab es stellenweise kein Durchkommen.

Etwa 80 Kilometer liegen zwischen Jerusalem und Jenin. Unser Weg führt uns durch die bergige Landschaft Samarias, vorbei an israelischen Siedlungen und arabischen Ortschaften, durch heiße Täler und vorbei an Olivenhainen. Eine arabische Ortschaft sticht vor allem ins Auge, weil die Einfahrt durch eine Allee aus Palmen erfolgt. Hier stünden 80% der Häuser leer, meint Wahib. Viele Palästinenser würden im Ausland leben und nur einen Monat im Jahr in ihrer Heimat verbringen.

Hinter Nablus machen wir Rast an einem faszinierenden Ort. Direkt an der Straße liegt ein Bachlauf, der zu einer gastronomischen Attraktion ausgebaut worden ist: Man kann hier auf Plastikstühlen im Wasser sitzen, sich die Füße abkühlen, eine entspannte Wasserpfeife rauchen und grillen – sofern man seinen Grill selbst mitgebracht hat. Der Eintritt kostet umgerechnet zwei Euro, die Wasserpfeife ist günstig. Dazu eine Tasse Tee mit Nana. Dann geht es weiter.

Nun sind es nur noch 40 Kilometer nach Jenin. Die Landschaft bleibt hügelig. Erst kurz vor der Stadt kommen weite Felder in Sicht. Hier gibt es große, landwirtschaftlich nutzbare Flächen.

Jenin ist an einem Freitagnachmittag wie ausgestorben. Anders als in Jerusalem sind die Geschäfte geschlossen und der Basar ist leer. Die 36.000 Einwohner zählende Stadt ist ruhig und auch der Verkehr hat Pause.

Auch am Busbahnhof scheint nicht viel los zu sein. Genau gegenüber liegt das zum Cinema Jenin gehörende Guesthouse, in dem wir für eine Nacht unterkommen wollten. Die Atmosphäre ist nicht die spritzigste, aber vielleicht liegt das am Wetter. Wir unterhalten uns mit den Volontären, die allesamt aus Deutschland kommen. Das Kino, dessen mehr oder weniger dramatische Geschichte in dem Film beschrieben wurde, den ich mir vor ein paar Monaten in Tübingen im Kino angesehen hatte, hat kaum Vorstellungen, da niemand von den Einheimischen hingeht. Im letzten Monat hat es ganze 50 Schekel eingenommen, umgerechnet etwa zehn Euro. Nachdem eine Kooperation mit Israel verhindert, abgelehnt und verneint wurde, schien es zunächst bergauf zu gehen. Doch die Uneinigkeiten innerhalb der palästinensischen Führung des Kinos verringerte das Vertrauen der Bevölkerung. Es gab vor ein paar Tagen eine Filmvorführung vor zwei Personen. Wir hätten also zu viert gute Chancen, einen Film zu sehen, meint einer der Volontäre, der wie wir in Tübingen studiert.

Angeregt wurde die Renovierung und Neueröffnung des einzigen Kinos der Stadt, das seit 1987 geschlossen war, von Ismael Khatib, der durch den Film „Das Herz von Jenin“ bekannt geworden war, weil er die Organe seines von israelischen Soldaten erschossenen Sohnes spendete, und von Marcus Vetter, einem deutschen Dokumentarfilmer. In „Cinema Jenin“ wird eindrucksvoll beschrieben, wie lang der Weg zu einem funktionierenden Kino war. Heute wird das Projekt hauptsächlich vom deutschen Auswärtigen Amt und dem Goethe-Institut in Ramallah getragen. Deshalb finden in einem extra hierfür eingerichteten Klassenzimmer im Guesthouse auch Deutschunterricht statt. Die deutschen Volontäre geben darüber hinaus auch Workshops für Kinder, in denen sich alles um das Filmemachen dreht. Leider sind die einzelnen Projekte schlecht mit der Führung abgestimmt – und als vor ein paar Tagen 30 Kinder mitsamt ihrer Eltern auftauchten, waren die Volontäre heillos überfordert, da man sie vorher nicht informiert hatte.

Das Guesthouse bietet Zimmer, in denen aufgrund der Hitze nur die Härtesten der Harten schlafen können. Doch es gibt auch eine Dachterrasse. Ein schattiger Balkon lädt zum Entspannen ein. Er ist mit einer Verkleidung aus dünnen Bambusrohren abgeschottet – gegen die Sonne, aber auch gegen die misstrauischen Nachbarn. Aus dem Film weiß ich, dass das Guesthouse für die Volontäre aus Übersee umgebaut wurde, die bei der Renovierung des Kinos halfen. Die gemeinsame Unterbringung von Männern und Frauen in einem Haus sorgte für Gerüchte.

Unten in der Lobby hängt ein Foto von Juliano Mer-Khamis. Er hat beim Aufbau des Kinos ebenfalls eine wesentliche Rolle gespielt. Seine Mutter, eine Jüdin, hatte im Flüchtlingslager der Stadt das Freedom Theatre gegründet, das er erfolgreich weiterführte. Palästinensischen Kindern sollte so Hoffnung und Perspektiven gegeben werden. Der arabisch-jüdische Künstler wurde am 4. April 2011 von einem maskierten Täter vor seinem Haus erschossen. Nach seinem Tod ging ein Teil der Volontäre vom Cinema Jenin fort. Heute würde Mer-Khamis, der seinen Wehrdienst bei der israelischen Fallschirmbrigade abgeleistet hatte und sich später zu 100 Prozent als Jude und zu 100 Prozent als Palästinenser bezeichnete, dem Projekt eine große Stütze sein. Finanziell wird das Cinema Jenin bis Jahresende noch vom Auswärtigen Amt getragen. Was danach passiert, scheint keiner so recht zu wissen. Bis jetzt ist man nicht gewinnorientiert und es genügt, wenn man auf Null herauskommt.

Unser Nachmittag ist noch nicht zu Ende. Wir essen gut und viel in einem Restaurant, in dem ein Verwandter von Wahib arbeitet. Huhn, Lamm und zuvor eine kaum zu überschauende Vielzahl von Hummus, Salaten und Gemüse, dazu eine kühle Cola. Der Tag war unheimlich heiß und alle sind froh, einen Ort mit Klimaanlage gefunden zu haben. Nach dem Essen begleitet uns ein junger Mann namens Qais zu seinem Arbeitsplatz nördlich von Jenin, einer Open-Air-Imbissbude in einem kleinen Park. Hier genießen wir den zweiten Tee und die zweite Wasserpfeife des Tages, während die Sonne unter- und der Mond aufgeht. Unweit von hier ist die Grenze zum israelischen Staatsgebiet. Hier sitzen wir eine Weile, hören arabische und hebräische Musik, bevor wir mit dem Auto zurück zum Guesthouse fahren und den Tag auf der Dachterrasse ausklingen lassen. Qais will am nächsten Tag mit uns durch Jenin fahren und uns die Stadt zeigen.

Am nächsten Morgen kräht der Hahn. Mehrmals. Und er setzt die Definition für „Morgen“ schon sehr früh an. Doch wir wollen ohnehin früh los. Nach einem kleinen Frühstück mit Hummus und Fool (gekochten Bohnen) treffen wir uns vor der Tür mit Qais.

Heute ist Jenin kaum wiederzuerkennen: Menschen und Autos – aber vor allem Autos – füllen die Straßen. Man betätigt fleißig die Hupe, um sich Gehör zu verschaffen. Wir bahnen uns unseren Weg durch die Stadt. Am Eingang des Flüchtlingslagers zeigt uns Qais eine Statue: Es ist ein Pferd, das aus den Resten eines Rettungswagens gebaut wurde, der von der israelischen Armee bombardiert wurde.

Man kann sogar den Schriftzug „Ambulance“ noch erkennen… – Die Statue steht unweit von Juliano Mer-Khamis‘ schon erwähnten Freedom Theater.

In Jenin scheint es nicht allzu viel zu geben, das man besichtigen könnte. Doch es gibt Fotomotive ohne Ende. Und hier und da findet man Raritäten und Zeugen der Geschichte – auch über den leidigen Nahostkonflikt hinaus. So stößt man neben einem großen Bankgebäude auf ein Denkmal der deutschen Fliegerstaffel, die hier im Ersten Weltkrieg zur Unterstützung der Türken stationiert war. Es erinnert an die Gefallenen, die im Kampf gegen die Briten ihr Leben ließen.

Nach diesem „Schmankerl“ tauchen wir ein in das Marktleben. Tausende von Menschen drängen sich durch die Gassen und Wege. Unter ihnen sind viele israelische Araber, die aus dem Norden nach Jenin kommen, um billig einzukaufen. Die bewachten und unbewachten Parkplätze sind überfüllt. Auffällig viele Mädchen und junge Frauen ohne Kopftuch. Die meisten von ihnen kommen von der anderen Seite des Sperrzauns.

Wir besuchen die Fatima-Khatun-Moschee, die etwa 500 Jahre alt ist, was man ihr aber nicht wirklich ansieht. Innen ist sie außergewöhnlich schlicht. Außerhalb der Gebetszeiten ist sie fast leer. Nur einige alte Männer. Ein altes Grab erinnert an die Gründerin. Ihr Mann war Bosnier und osmanischer Gouverneur von Damaskus. Damals war das Land unter den Osmanen vereint.

Draußen, vor dem Gebetshaus, tummelt sich das Leben. An den Wänden kleben vereinzelt noch Plakate, die an die Märtyrer (oder Terroristen) von damals erinnern, als Jenin noch eine Hochburg des palästinensischen Widerstandes war und Terroranschläge auf israelische Busse täglich vorkamen. Doch im Stadtzentrum gibt es deutlich weniger solcher Plakate als in Nablus, was mich erstaunt. Immerhin hatte Jenin eine andere Stellung als die übrigen Städte. Allgemein spürt man jedoch sehr wenig Knistern in der Luft. Jenin präsentiert sich als eine Stadt wie alle anderen. Touristen sieht man neben den Käufern aus Israel keine, doch es müssen welche da sein. Auch in der Stadtbibliothek, zu der uns unser einheimischer Guide führt, erweckt man den Eindruck, als wären Touristen nichts Ungewöhnliches. Wir werden auf einen Tee eingeladen, nachdem man uns die verschiedenen Räume und Abteilungen der Bibliothek gezeigt hat. Um hierher zu kommen muss man das Treppenhaus mit seinen steilen Stiegen überwinden. Noch ein Stockwerk weiter oben gibt es ein Archiv, wo die Ausgaben dreier Tageszeitungen seit den Achtzigern aufbewahrt werden. Zwei Männer sitzen in einem eigenen Abteil und reparieren alte Bücher.

Das Gebäude wurde wie auch die Schule nebenan von den Türken gebaut. Die Osmanen herrschten in Palästina wie in den gesamten umgebenden Regionen bis 1917, als sie im Zuge des Ersten Weltkrieges von den Briten aus ihrem jahrhundertelangen Herrschaftsbereich zurückgedrängt wurden.

Vom Balkon der Bibliothek kann man die Abu-Bakr-Straße überblicken, die nach dem ersten muslimischen Kalifen benannt ist. Sie ist die Hauptstraße der Stadt. Hier begeben wir uns auch auf den Rückweg zu unserem Mietwagen. Durch die handelsfreudigen Händler und vorbei an hupenden Autos bahnen wir uns den Weg zum staubigen Parkplatz. Wir fahren Qais zurück zu seinem Arbeitsplatz und machen uns dann auf nach Ramallah. Die Fahrt geht durch die gewohnte Landschaft, vorbei an Bergen und über steile Hänge. Das Grün des Nordens nimmt ab, je weiter man nach Süden kommt. Doch genauso verhält es sich auch mit der Hitze. In Ramallah angekommen beginnt es sogar leicht zu nieseln – für eine halbe Minute. Der Himmel ist bedeckt. Und am Abend, als ich schon lange wieder im Jerusalemer Hostel sitze, regnet es dann sogar eine Weile. Doch bevor Chris und ich wieder im Abraham Hostel angekommen waren, mussten wir uns in die lange Schlange vor dem Qalandiya-Checkpoint einreihen. Während man von Betlehem aus mit dem Bus nahezu unbeachtet über die Grenze kommt, muss man hier durchs Drehkreuz gehen, auf das grüne Licht warten, den Gürtel ausziehen und sich durchleuchten lassen. Der gelangweilte israelische Soldat verraucht unterdessen mit seiner Wasserpfeife das Kabuff, in dem er sitzt.

Der Trip hat sich auf jeden Fall gelohnt. Und Jenin hat mir irgendwie gefallen. Es ist eine Stadt wie viele andere im Westjordanland, mit vielen freundlichen Menschen. Doch sie ist kleiner und hat eine dramatischere Geschichte. Und ein Tag reicht sicherlich bei weitem nicht aus, um die Probleme der Menschen, die politischen Strukturen und das Zukunftspotenzial auszukundschaften. Deutlich wird nur, dass Projekte wie etwa das Cinema Jenin noch mehr (oder anders) gefördert werden müssen, da das Vertrauen innerhalb der Bevölkerung noch fehlt. Auch die Stadtbibliothek könnte mit Sicherheit Unterstützung gebrauchen. Bildung ist ein kostbares Gut und schafft Perspektiven für die Zukunft.

Morgen werde ich einen letzten Blick auf Jerusalem werfen und mich dann in Richtung Westen nach Tel Aviv vorarbeiten, um meine letzten Tagen im Land mit einer gezielten Erholungseinheit am Strand verbringen – in der Hoffnung, nicht dem nächsten Sonnenbrand zum Opfer zu fallen.

anncathrin
About me

Studiert(e) Islamwissenschaft, BWL und Politik, Bloggerin und Unternehmerin. Schreibt hier über Food, Reisen, Feminismus und Gesellschaft.

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