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Chaos in meinem Kopf. Riesen großes Chaos und vielleicht hilft das Schreiben ein wenig – ich weiß es nicht.
Es ist Samstag, der erste Oktober. Wieder ein neuer Monat. Ich sitze im verregneten Leipzig und warte auf meinen Zug. Mein Rücken schmerzt mal wieder fürchterlich, mein Hals tut weh – die Nase war in der Nacht schon zu. Ich brüte eine gewaltige Erkältung aus und mein Körper und Kopf kämpfen gegen sie an. Krank werden geht jetzt einfach nicht.

 

Ein neuer Monat, das letzte Quartal des Jahres und ich sitze hier und frage mich, warum bin ich da wo ich bin? Hätte ich nicht viel weiter sein können? Wohin will ich? Und vor allem was? Das sind Fragen, die ich mir schon lange stelle. Die ich gebeten wurde mir zu stellen und auf die ich keine Antwort habe. Ich will alles und immer sofort. Dass das nicht funktioniert weiß mein Kopf und dennoch will ich es nicht akzeptieren. Und anstatt mit einer Sache innleinen Schritten anzufangen, mache ich nichts. Oder zu wenig, wie mir es immer scheint.

 

Was will ich überhaupt? Das ist die große Frage. Gerade heute, der Tag an dem mein Studentenausweis der FU in Berlin gültig wird. Master Islamwissenschaft. Will ich das? Ich habe gesagt ich probiere es aus, ob es passt, ob ich es zeitlich schaffe. Doch ich sehe schon jetzt, dass mir die Zeit nicht reichen wird, dass ich mich wieder massiv überfordere – aber ich will doch gerne so viel mehr lernen, Sprachen wirklich beherrschen und einen Masterabschluss haben. Aber dafür brauche ich erstmal den Bachelor. Und da rast mir die Zeit nur so davon. Ich finde keinen Anfang bei allen Arbeiten, die ich jetzt dringend schreiben muss. Bin völlig raus aus dem akademischen Schreiben und dieses unglaublich niveauvolle, wissenschaftliche Schreiben, Forschen, das war nie meine Stärke.

 

Done is better than perfect sage ich mir, aber habe dennoch den Anspruch an mich wirklich gut zu sein, schrecke permanent vor Wörtern wie „empirisch“ und „analytisch“ zurück. Möchte doch einfach nur meine Meinung, meine Ansicht dahin schreiben und schreibe dann… nichts.

 

Chaos in meinem Kopf. Das liegt nicht nur an drei Arbeiten die ich gerade zur gleichen Zeit schreibe und schreiben will. Völlig idiotisch. Chaos, das kommt auch durch alle die anderen Gedanken, all die anderen Themen die mich interessieren. Feminismus! Ich will für Trust the Girls endlich schreiben. Habe angefangen; muss, will korrigieren, anders denken und kann mich doch nicht überwinden kritisch mit mir zu sein und meine Texte zu redigieren. Blockade komplett. Auch aus Angst meine Gedanken, meine Worte kommen nicht an. Werden missverstanden. Blockade.

 

Ist das die Depression frage ich mich immer öfter. Ich weiß und spüre an meinem Körper, dass ich gerade mit aller Kraft an mich halte, um nicht in ein tiefes Loch zu stürzen wegen all dem Druck, all dem Stress, all den Aufgaben. Verursache ich die Depression selber, weil ich so viel von mir fordere? Oder könnte ich das alles leisten was ich will, nur hält mich die Depression davon ab? Ich bin da in einem totalen Teufelskreis. Beides befruchtet sich und ich sage mir nur „halt durch! noch bis November! Dann hast du alles geschafft – du schaffst alles bis dahin – und dann wird alles gut!“.

 

Aber wird es das? Wenn ich mir angucke was ich alles geplant habe. Das Studium, mein Unternehmen, politisches Engagement – Netzpolitik, Feminismus, etwas gegen den Hass tun! Hass, dieser Hass!

 

Ich bin in Leipzig weil ich vor Stipendiaten über Extremismus im Netz gesprochen habe. Über den IS, über Hatespeech. Tweets und Kommentare habe ich ihnen gezeigt. Gesehen haben sie so etwas noch nicht. Schon gar nicht selbst bekommen. Wie auch? Man bleibt in seiner Bubble. Online wie offline. Man bekommt von dem Hass in unserer Gesellschaft vielleicht über Zeitungen was mit. Aber selber? Selber sehen, selber betroffen sein von dem ganzen Hass? Das tut kaum jemand. Nach ihm Ausschau halten, auf ihn reagieren, gegen an reden – das habe ich ihnen gesagt. Sie dazu aufgefordert. Hasskommentare ignorieren ist wie wegschauen auf der Strasse. Es ist Passivrassismus. Bringt doch eh nichts sagten sie. Schweigen ist zustimmen sagte ich, und dass schweigen nichts löst und den Hass nicht weg nimmt. Verstanden haben sie es schon ein bisschen. Aber werden sie was tun? Ich bezweifle es.

 

Es ist unglaublich angenehm keine Hass-Tweets zu erhalten. Warum auch sich dem aussetzen? Es ist anstrengend, es ist zermürbend, es bringt doch zum verzweifeln. Aber noch mehr lässt mich dieses Zulassen verzweifeln. Und dass ich nicht weiß was ich tun soll. Was soll man selber tun, außer Menschen auf die Missstände in unserer Gesellschaft hinweisen? Sie aufrütteln und zum nachdenken anregen? Ich weiß nicht was die Lösung ist. Ignorieren, kurz entsetzt sein, ist es nicht. Und meine Hoffnung, dass alles wieder gut wird, dass wir uns alle wieder sicher fühlen, schwindet dahin, wenn die Elite dieser Gesellschaft nur mit den Schultern zuckt.

 

Chaos. Dieser Text ist Chaos. Und er ist nur ein kleiner Teil des riesigen Chaos in meinem Kopf. Vielleicht hilft es, es aufzuschreiben habe ich mir gedacht. Deine wöchentlichen Sunday Thoughts wolltest du schreiben, habe ich mir gedacht. Vielleicht ist es gut, dass mit diesem Text ein Punkt weniger auf meiner ToDo-Liste ist. Dass ich was geschafft habe, ein kleines Erfolgserlebnis. Chaos im Kopf aufschreiben hilft immer ein wenig, damit das Chaos weniger wird. Zumindest wird das Chaos so noch deutlicher – ich finde das hilft. Vielleicht mache ich mich heute Nachmittag daran, genau aufzuschreiben, was ich will und wieviel Zeit ich habe. Nicht, dass ich das nicht schon tausendmal gemacht habe. Aber ich werde es weiter probieren, mit Hilfe.

 

Nun muss ich aber zum Bahnhof. Zurück nach Hause, nach Berlin. Dieser wunderschönen Stadt, in der ich immer noch eine neue Bleibe suche…

 

 

WHAT I THOUGHT ABOUT

Das viele Nachdenken in der vergangenen Woche hat mich dazu bewogen, doch mal wieder öfter und regelmäßiger aufzuschreiben, was mich so bewegt. Das Thema meiner letzten Wochen und vor allem in der letzen war: was kann und will ich eigentlich erreichen und wie erreiche ich meine Ziele? Und die wichtigste Erkenntnis (etwas, das doch eigentlich jeder weiß) war: one step at a time. Meine größte Schwäche ist, dass ich immer alles auf einmal will. Und das auch noch jetzt sofort. Aber das funktioniert einfach nicht. Nach 1,5 Jahren protokollierten und erbärmlich gescheiterten Versuchen, versuche ich es jetzt doch mal mit dieser Erkenntnis.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass meine Zeit dahin rennt. Nicht meine Lebenszeit – zum Glück – sondern die, um meinen Bachelor-Abschluss E-N-D-L-I-C-H zu machen. Denn die Unis sagt nun: yallah, Madame! Vielleicht ist es also nur der enorme Druck der mich letzte Woche sagen lassen hat: das und das geht jetzt einfach nicht mehr. Ein großer Faktor war die politische Arbeit. So gerne (ok, es ist eine Hassliebe) ich es auch mache und so kurz es auch vor dem Wahlkampf ist: Es kostet viel Zeit und bringt kein Geld. Daher muss es jetzt einfach ganz weit hinten anstehen, denn Job und Studium haben da einfach eine höhere Priorität.

Und es klappt alles ganz gut. Ich motiviere mich selbst gerade enorm. Zwinge mich, und bringe Leute dazu mich zu zwingen. Ich versuche mir eine tägliche Routine anzugewöhnen, jeden Tag zur gleichen Uhrzeit aufzustehen, damit es irgendwann so eine Gewohnheit wird, dass ich gar nicht mehr drüber nachdenken muss. Ich hoffe sehr dass es klappt und bin diesmal wirklich guter Dinge. Meine größte Motivation ist glaube ich, dass ich nächsten Monat 29 werden und ich mich da frage: willst du und wolltest du so mit 29 sein? Und da kann ich antworten: Ich wollte ganz anders sein, aber dass ich jetzt so bin wie ich bin und dort bin wo ich bin, ist super. Aber da gibt es noch ganz viel, bei dem ich nicht wollte das es so ist wie es ist. Noch keinen Studienabschluss zum Beispiel. Oder so schrecklich unsportlich. Aber es ist ja bekanntlich nie zu spät, etwas zu ändern…

 

WHAT I READ

Abends die Zeit nutzen, noch etwas zu lesen – das versuche ich momentan zu tun. Vor allem um nicht kurz vorm schlafen gehen noch auf irgendeinen Screen zu gucken. Ich bin nicht so der große Fan von Belletristik. Sachbücher sind eher meins und ich habe nun endlich angefangen von Ulrike Gutrot – Warum Europa eine Republik werden muss zu lesen und bin total begeistert. Europa braucht mehr Liebe. Und mehr junge Leute, Feministen und einfach begeisterte Europäer, die sich für ein besseres Europa einsetzen. Ich bin noch ganz am Anfang, kann aber jetzt schon eine absolute Leseempfehlung aussprechen!

 

WHAT I LISTENED TO

Ich lasse mich ja gerne von den Playlisten von Spotify inspirieren und bin ein totaler Fan von deutschen Texten. Dieses Lied habe ich letzte Woche rauf und runter gehört

 

WHAT INSPIRED ME

Ich versuche mindestens einen TED Talk am Tag zu gucken. Ich liebe die Dinger einfach. Neue Ideen, Motivation, Inspiration, neue Perspektiven – großartig. In den Talk und die Speakerin habe ich mich direkt verliebt:

 

WHAT I LOVED

Unendliche Liebe, die man von Menschen entgegengebracht bekommt, die man eigentlich gar nicht kennt. Festgehalten auf Post-Its in der Wohnung.

 

INSTA PICK

Ich glaube, es ist kaum eleganter und ästhetischer seinen Körper zu präsentieren, als diese Athletinnen es tun.

@sleepinthegardn ❤️😂 „Are you not entertained?!“

Ein von Selkie Hom (@selkiehom) gepostetes Video am

Die Ereignisse nach Köln und die darauf folgende gesellschaftliche Debatte (Wenn man das überhaupt noch so nennen kann), haben mich sehr nachdenklich gemacht. Einer der Gründe, warum ich jetzt die Rubrik „Sunday Thoughts“ auf unserem Blog starten möchte.

In den letzten Monaten habe ich kaum was gebloggt – nur meine zwei sehr persönlichen Artikel. Über meine Depression und sexuelle Belästigungen die ich bisher erlebt habe. Beide Artikel sind auf wunderbare Resonanz gestoßen, und ich bin allen für Ihr Feedback dankbar und freue mich auch darüber, dass Betroffene mir schrieben. Bei letzterem Artikel kam bisher nur ein ziemlich dummer Kommentar – und den habe ich auch freigegeben. Denn ich denke, sowas muss sichtbar sein. Genauso wie die ganzen Rückmeldungen die ich auf Twitter bekommen habe. Manche davon habe ich auf Facebook veröffentlicht. Man muss natürlich nicht mit mir einer Meinung sein, aber was man sich – gerade als Frau – auf solchen Netzwerken anhören muss ist nicht ganz ohne. Und ich habe nur eine sehr, sehr kleine Reichweite. Je mehr Reichweite, desto schlimmer die Beleidigungen und Drohungen
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Interessant ist dabei, dass sie fast hauptsächlich (in meinem Fall ausschließlich) von Männern kommen. Weißen Männern, wie ich vermute. Diejenigen, die sich nun plötzlich für die Rechte der Frauen einsetzen und lauthals gegen „die Flüchtlinge“ wettern und hetzen – die natürlich zu verurteilende Straftaten in Köln begangen haben. Schlimm finde ich vor allem, dass wir erst jetzt über das Sexualstrafrecht nachdenken – und wir gar nicht, vermutlich nie – darüber reden, dass den Männern, die den Frauen das antaten, aufgrund unzureichender Gesetze vielleicht nie richtig belangt werden. Mehr dazu könnt Ihr hier nachlesen. Auch lesenswert in Bezug auf die Rechtslage ist die Kolumne „Unser Sexmob“.

Ebenso widerlich finde ich die aktuelle Debatte. Nicht nur unter den „normalen Bürgern“, sondern auch in den Nachrichtenmagazinen, Feuilletons und Kolumnen. Plötzlich wissen sie wieder alle Bescheid: über Frauen, den Islam, die Rolle der Frau im Islam, den patriarchalen Strukturen, Integration, das sexuelle Verlangen des muslimisches Mannes und natürlich der Rassenkunde. Wieder werden alle und alles über einen Kamm geschert – wir importieren uns die Frauenverachter und merken mal wieder nicht wie frauenverachtend unsere Gesellschaft selbst ist . Das soll keinesfalls relativieren, dass in anderen Ländern – und das überall auf der Welt – die Position der Frau deutlich schlechter ist als bei uns, aber wie können wir es uns heraus nehmen, so über andere zu reden, so zu urteilen, als seien wir perfekt und die idealen Vorreiter in Sachen Frauenrechte? Die wunderbare Moshtari hat einen tollen Artikel im „der Freitag“ veröffentlicht, in dem sie zeigt, wie Polemik in Debatten – vor allem auch in den Medien funktioniert. Und „Monitor“ hat mit Monika Hauser gesprochen, die davor warnt, das rechte Kräfte die Debatte übernehmen.

Was also tun? Ich möchte nicht dran verzweifeln. Und ich möchte nicht in so einer Gesellschaft leben. Nicht nur schwarz weiß denken. Erstens nicht in einer, die so empfänglich für so viel Hass ist und zweitens in einer, die mit gespaltener Zunge spricht. Irgendwas werde ich tun müssen und ich bin froh um die Gespräche mit Leuten, die das ebenso sehen.