Ägypten, Palästina, Deutschland. Mein Leben in sexuellen Übergriffen. 


Brüste. Ein wunderschöner Teil des weiblichen Körpers. Allerdings hat er mich gut die Hälfte meines 28-jährigen Daseins auf dieser Erde ziemlich gestresst und mir viele Probleme bereitet.

 

Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln und die ganzen Berichte danach haben mich wie so viele andere wütend gemacht. Und ich habe überlegt: Wie oft hätte ich eigentlich schon wegen sexueller Delikte gegen mich zur Polizei gehen können? Oft. Viel zu oft und schon viel zu früh. Ich hätte es in Deutschland können, in Palästina und Ägypten. Ja, sexuelle Übergriffe gegen Frauen passieren überall. In Europa muss jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt erleben. Jede Dritte. Und ich bin eine davon.

 

Ich habe sicherlich viel verdrängt, was mir so alles passiert ist. Und ich musste überlegen, was das erste Ereignis war, an das ich mich erinnern kann. Und dann fällt es mir ein – und auch, dass ich niemals darüber sprach. Ich glaube, jetzt, hier das erste Mal. Vielleicht weil ich dachte, es ist ja nicht so schlimm?

 

Brüste. Die fingen bei mir recht früh an zu wachsen. In der vierten Klasse muss man schon gute Ansätze gesehen haben. Grund genug für einen Jungen – er war in der Klasse meiner Schwester, also zwei Stufen unter mir – lief an mir auf meinem ein paar hundert Meter langen Schulweg vorbei und grabschte mir an die Brust. Lachte und lief weg. Wohlgemerkt: Ich komme aus einer sehr behüteten Gegend. Aber ja, das war er, mein erster Übergriff.

 

In der fünften und sechsten Klasse ging es weiter: Gefühlt die ganzen zwei Jahre lang durften eine Klassenkameradin und ich, die nunmal die größten Brüste der Klasse hatten, uns anhören, dass wir Silikonbrüste hätten. Lautes Gekicher, Lachen und mit dem Finger auf uns zeigen, uns lächerlich machen – alles dabei. Aber wie geht man damit als junges Mädchen um, das damit klar kommen muss, dass sich gerade ihr Körper völlig verändert? Schweigen, das war meine und ich glaube auch ihre Lösung.

 

Siebte Klasse: Die Jungs fingen an, unsere Brüste toll zu finden. Ein normaler Ausschnitt war bei mir schon recht groß. Sie fingen an zu gucken, mir fiel es nicht weiter auf. Den anderen Mädchen schon – die fanden es wiederum nicht gut, dass die Jungs auf mein Dekolletee guckten und nicht auf sie. Mobbing war die Folge. Und natürlich auch diverse andere Gründe, die pubertierende Mädchen so haben.

 

Anzeigen? Den Lehrern was sagen? Zuhause was sagen? Kam nie ansatzweise in Frage. Es wurde ertrugen.

  1. Ein Freund der Familie ist zu einem guten Freund und einer Art Vaterersatz geworden. Er legt sich ziemlich oft zu mir ins Bett. Keiner bekommt was mit, keiner findet es komisch. Er streichelt mich überall, ich ertrage regungslos und stillschweigend. Ganz selten, wenn es mir zu viel wird, schlage ich seine Hand weg und sage, er soll es lassen. Nach mehreren Aufforderungen ließ er es dann auch endlich. Gesagt habe ich das nie. Bis ich irgendwann Jahre später auf Partys, wenn ich betrunken war, immer heulend zusammenbrach. Ich erzählte es einem guten Freund, einer Freundin. Aber erst mein damaliger Freund brachte mich dazu, es zur Anzeige zu bringen. Unter Tränen erzählte ich alles sieben Jahre später bei der Polizei.

 

Ein paar Wochen später kam die Staatsanwaltschaft. Sie sagte: Gute Frau, es ist schon zu lange her. Und: Sie hätten doch nein sagen können. Das war’s.

 

Seit meinem 18. Lebensjahr habe ich gekellnert. Mit ein paar Unterbrechungen acht Jahre lang. Die meisten Sprüche im Alltag habe ich vergessen. Nicht beachtet. Hängen geblieben ist mir ein Segel-Event, bei dem ich das Catering mitgemacht habe. Nur gut situierte Männer dort. „Du könntest zwar meine Tochter sein, aber dich würde ich schon gerne mal ficken“ – durfte ich mir von einem sichtlich stockbesoffenen Mann anhören, als ich mich neben ihm auf eine Bank setzte, um eine zu rauchen. Sprüche, die mehr als deutlich aussagten, dass der werte Herr mir gerade massiv auf die Brüste starrte, kamen mehr als einmal vor.

 

Heute gehe ich viel offener mit meinen Brüsten um. Wer mich kennt, weiß das. Und ich reagiere mit sehr viel Humor auf viele Sprüche. Kokettiere selber gerne mit mir und meiner Weiblichkeit. Warum auch nicht? Ich möchte ausdrücklich nicht, dass wir Brüste dämonisieren. Ich möchte, dass wir einander für alle möglichen Körperteile mal ein nettes ernstgemeintes Kompliment machen können. Warum auch nicht? Ich will, dass wir unsere Körper als etwas ganz Normales ansehen. Aber selbst wenn ich, auf viele Witze in Bezug auf meinen Ausschnitt, auch gerade im Dirndl, mit witzigen, blöden Sprüchen zurück antworten kann, über Vieles lachen kann – für ein „geile Titten“ aus dem sabbernden Mund eines betrunkenen Mannes, der auf mein Dekolletee starrt, habe ich auch wenig Verständnis. Noch weniger Humor. Aber: Heute sage ich was.

 

Ja, das passierte alles hier in Europa. Von Europäern.

Jede Dritte.

 

Aber ich will auch nicht totschweigen, dass es mir auch im Ausland passiert ist. Als Islamwissenschaftlerin reise ich liebend gerne in den Nahen Osten, und nichts hat mich bisher davon abgehalten, es immer wieder zu tun. Zu reich wurde ich durch die Erfahrungen und die Menschen dort beschenkt.

 

Ägypten im Sommer 2011. Ein Mann lief mir nach, ich wechselte die Straßenseite, er verfolgte mich. Ich ging schneller durch die gefüllte Straße. Es war Zuckerfest. Er ließ nicht ab, er schnippte seine Zigarette in meine Richtung, sie fiel auf meinen Fuß, ich fing lauthals an, ihn auf Deutsch anzuschreien und zu beschimpfen. Dass irgendwas sein müsste, hätte man erkennen können, auch wenn mich keiner verstand. Aber nichts passierte. Nur er folgte mir endlich nicht mehr.

 

Der Kiosk vor meiner Tür. Ein Mann stand vor der dem Kiosk, unterhielt sich mit dem Besitzer, ich stand vor der Auslage und begutachtete die unbekannten Süßigkeiten. Er ging an mir vorbei, streifte mit der Hand meinen Hintern, und ich dachte nur: Herrgott, hier ist so viel Platz, warum geht der so dicht an mir vorbei? Dass er es auf meinen Po abzielte, fiel mir erst ein, als er nochmal an mir vorbei ging und mich streifte. Ich schrie ihn laut an, er gucke verwundert, der Kiosk-Besitzer guckte verwundert, nichts passierte. Ich ging.

 

Die Behörde am Tahrir-Platz. Ich will mein Visum verlängern. Quetsche mich wie alle anderen durch die Sicherheitsschleuse und den Metalldetektor. Dass die Hand an meinem Po nicht da war, weil es einfach so eng ist, und es einfach aus Versehen passierte, wurde mir erst viel später klar.

 

Aber genauso habe ich von Männern dort unglaublich viel Respekt und Wertschätzung erfahren. Sei es die persönliche Übergabe von mir von einem Freundeskreis an den anderen, weil es in Ägypten zu gefährlich ist, mit dem Kleid, das ich zu einer Hochzeit trug, auf der Straße rumzulaufen. Einladungen von quasi Fremden in deren Ferienhaus, wo wir beiden Mädchen morgens zum Strand gefahren wurden und abends abgeholt wurden (weil Ramadan war, gingen die Jungs selber nicht hin). Einladungen zu Hochzeiten, Verlobungen, Familien. Und niemals – egal, wo wir zu zweit oder zu dritt alleine waren, auch nicht auf engstem Raum im Auto, kam einer auf die Idee, mich anzufassen oder zu belästigen.

 

Palästina 2012. Ich war in Israel, alleine, weil der Freund, den ich besuchte, nicht mit rüber durfte. Ich kam an einem Freitag zurück nach Hebron und dachte, es sei wie in Ägypten – egal ob Freitag oder ein anderer Wochentag, in der Stadt ist immer Trubel. Nein, in Hebron ist freitags alles zu, und die „Taxis“ fuhren auch nicht. Als ich in die Moschee wollte, um mir dort eine Leggings unter mein wadenlanges Kleid zu ziehen und mir mein Kopftuch anzuziehen (ja, in Hebron war es besser, bedeckt rum zu laufen – das war für mich aber nie ein Problem), sprach mich ein Mann an und fragte, was ich suche, ob er helfen könne. Sein Englisch war miserabel, mein Arabisch ebenfalls, also machte ich es wie immer in arabischen Ländern, ich rief jemanden an, der vermitteln konnte. Der Freund, bei dem ich war und in dessen Dorf ich wieder musste, schilderte dem Mann meine Problematik, der rief Freunde an, die kamen vorbei und sollten mich zum Dorf fahren. Währenddessen führte er mich noch zu einem Verschlag mit Plumpsklo, da ich mir ja immer noch was anderes anziehen wollte. Ich sah, wie er versuchte, durch den Spalt der Tür zu gucken, sich an meiner Tasche zu schaffen machen wollte, und stürmte wieder raus.

 

Die Kerle im Auto waren mir ziemlich suspekt. Und der Weg, den sie fuhren, kam mir ganz und gar nicht bekannt vor. Es wurde unheimlich, der eine versuchte meine Tasche zu öffnen, ich schimpfte, bekam sie nach hinten zu mir auf den Rücksitz, sie fragten mehrfach, ob ich Geld dabei hätte, mir wurde die ganze Sache viel zu komisch und ich hatte das erste Mal wirklich Angst in meinem Leben. Ich schrie „Stopp!“, sie hielten an, ich packte meine Tasche und stürmte aus dem Auto. Rannte zu einem kleinen Laden, völlig aufgelöst. Ganz viele junge Männer und Kinder kamen sofort auf mich zu, waren überfordert mit mir. Eine junge Europäerin stürmt aus einem Auto und steht da nun heulend und zitternd vor ihnen. Sie holten einen alten Mann aus dem Laden, der sprach Englisch. Sie beruhigten mich, und man merkte, wie gerne mich einige in den Arm nehmen und trösten wollten, aber niemand tat es, weil es sich dort nicht gehört. Der Mann rief bei meinem Freund an, fragte, wo ich hin muss, und fuhr mich dann zum Checkpoint, wo ich erwartet wurde.

 

Es stellte sich raus, dass die Jungs aus dem Auto den richtigen, nur einen anderen Weg fuhren. Oder ich erkannte die Stadt so leer einfach nicht. Ich hatte Angst, angefasst oder bedroht haben sie mich nie.

 

Warum ich das alles schreibe? Weil ich ebenso wie beim Thema Depression finde, dass das raus muss. Dass uns allen klar werden muss, dass es überall passiert. Auch unter uns. In jeder Kultur, in jeder Religion, in jeder Nation. Zu viele Freundinnen von mir sind Opfer sexueller Übergriffe. Über „Kleinigkeiten“ reden auch wir kaum, das nimmt man als Frau irgendwie hin. Und das ist ganz schlecht. Wir müssen alle darüber reden, nie aufhören und zeigen, dass wir alle ein Problem haben.

 

Damit Farinas kleine Maus so etwas nie erleben muss. Damit keine Frau so etwas je erleben muss.

 

anncathrin
About me

Studiert(e) Islamwissenschaft, BWL und Politik, Bloggerin und Unternehmerin. Schreibt hier über Food, Reisen, Feminismus und Gesellschaft.

13 Comments

Sophia
Reply 9. Januar 2016

Wow! Wieder ein zutiefst rührender und ehrlicher Artikel! Vielen Dank dafür!!! Vor allem, weil man wirklich anfängt, zum ersten Mal bewusst darüber nachzudenken... Wie viel ist okay und was ist schon nicht mehr okay? Muss ich mir alles bieten lassen? Muss ich mich darüber freuen, wenn ich Pfiffe oder dumme Sprüche höre, oder darf mir das unangenehm sein. Ist es okay, dass in jeder Werbung die Mädels alle halbnackt sind? Und warum zum Teufel spricht niemand darüber? Also vielen Dank noch einmal für deine Offenheit!

    anncathrin
    Reply 9. Januar 2016

    Danke Dir!

ina
Reply 10. Januar 2016

hey vielen lieben Dank für deine offenen Worte. Ich habe auch lange überlegt ob und wie ich zu dem thema etwas schreiben soll, aber mir fehlen die worte....
Sexuelle Übergriffe gibt es überall und ständig. nicht nur von ausländern und nicht nur an silvester... Ich hoffe, dass die ereignisse den politikern die augen öffnen solche übergriffe stärker zu bestrafen... und dass mehr frauen den mund aufmachen können und auch hilfe bekommen...

Krisi von Excusemebut...
Reply 10. Januar 2016

Ich habe schon bei dem Titel gedacht, dass ich mir Zeit nehmen muss für diesen Beitrag und nicht nur nebenher lesen kann...Und ich bin froh habe ich das getan. Du bist sehr mutig darüber offen zu schreiben und das finde ich wunderbar, ich hoffe das viele Frauen damit erreicht werden! Es schokiert mich aber auch, wie oft dir das schon passiert ist. Mir ist es bisher nur einmal passiert, dass mir ein Mann an den Po gegriffen hat, und das war in Afrika von einem im Dorf bekannten geistlich behinderten. Also zähle ich das nicht, sein Kopf hat anders gedacht und es wurde von keinem gut gehiessen!
Ich bin genauso überzeugt das sexuelle Übergriffe überall auf der Welt passieren, egal welche Nationalität oder Religion. Ich hoffe die akutelle Debate wird auch dazu genutzt allgemein über Übergriffe und Sexualle Belästigung zu reden, und nicht nur im Zusammenhang das es Migranten waren!
Liebe Grüsse,
KRisi

    anncathrin
    Reply 10. Januar 2016

    Danke, dass Du dir die Zeit genommen hast! <3

Regina
Reply 10. Januar 2016

Liebe Anncathrin
Ich danke dir einfach sehr, dass du diesen Artikel geschrieben hast. Das beweist sehr viel Mut. Solche Sachen dürfen nicht totgeschwiegen werden!
Alles Liebe
Regina

    anncathrin
    Reply 11. Januar 2016

    Danke Dir!

RE
Reply 10. Januar 2016

mit schleier und anstTT SICH ZU BESAUFFEN UND ZU ENTBLÖSSEN WAERE DIR ALL DAS NICHT PASSIERT. ISLAMWISSENSCHAFTLERIN, VERSUCHS MAL MIT MUSLIMIN. DAS WÄRE EHRLICH

    Tatjana
    Reply 11. Januar 2016

    Frauen wie du, bestärken solche Männer darin sich im Recht darüber zu sehen andere Körper als ihr Eigentum behandeln zu können. Anstatt sie in ihre Schranken zu weisen, behauptest du, dass wir (die Frauen) selbst Schuld sind angegangen zu werden. Wahrscheinlich hast du es nicht anders gelernt, bist damit aufgewachsen. Aber das entbindet dich nicht von der Schuld, dass du mit dieser Haltung der Sicherheit der Frauen in Wege stehst. Warum entschuldigst du so ein Verhalten? Das ist absolut lächerlich!
    Vielen Dank für deinen unheimlich erschreckenden Kommentar.

    Daniel
    Reply 11. Januar 2016

    Sorry, aber der Kommentar ist so unglaublich dumm... Mehr muss man dazu ja schon nicht schreiben!

Sandrin
Reply 11. Januar 2016

Es ist leider wirklich so solche Sachen passieren täglich überall auf der Welt. Ich war gerade letztens im Bus mit meiner kleinen Tochter, da kam mir ein Mann wirklich sehr nahe, es war so unangenehm aber ich hab mich nicht getraut etwas zusagen ich war so schockiert das mir das sogar passiert wenn ich mit meiner Tochter unterwegs bin! Es war wirklich wiederlich. Ich hab dann als wir ausgestiegen sind sofort meinen Mann angerufen, so aufgebracht war ich! Mein Mann ist moslem aber ich bin mir zu 100% sicher er würde so etwas nie machen, es gibt nun mal aus allen kulturen gute und schlechte Menschen!!

Maxi
Reply 26. April 2016

Hi Anncathrin,
du schreibst: " Auch unter uns. In jeder Kultur, in jeder Religion, in jeder Nation."

Das ist zwar richtig, aber ich denke es macht einen großen Unterschied in welchem Umfang und in welcher Intensität und in welcher Häufigkeit das in verschiedenen Regionen in unterschiedlichen Kulturkreisen dieser Erde passiert.

Und da kann man eben sehr wohl große Unterschiede sehen. Darum finde ich dein abschließendes Resume, leider fehl am Platz.

Du nimmst andere, frauenverachtende Kulturen indirekt in Schutz, dass in unserer westlichen Kultur der Umgang mit Frauen ebenfalls sehr schlimm ist.

Wir brauchen mehr selbstbewusste Frauen wie dich, die sich trauen den Mund aufzumachen.

Unangebrachte, beschönigende Vergliche halte ich für dumm, sogar gefährlich.

    anncathrin
    Reply 26. April 2016

    Ich denke "jede dritte Frau" ist Intensität genug. Für dumm halte ich es, die Gewalt gegen Frauen in unserem Land zu ignorieren, gar klein zu reden und lieber auf Orte zu gucken wo es schlimmer ist. Es ist für jede einzelne Frau schlimm und keiner Frau wird es was bringen ihr zu sagen, dass sie sich nicht so haben braucht, schließlich gehe es anderen noch schlechter.

    Fehl am Platz ist die Kommentar, der die Gewalt hier in Europa gegen Frauen relativiert. Und es ist unglaublich interessant, dass egal wo, die Taten im Ausland, die viel harmloser waren als die im privaten Umfeld deutlich mehr Verurteilung finden. Das ist dumm, Max. Das ist dumm, fehl am Platze und relativierend.

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